Baden-Württemberg

Chemisches und Veterinäruntersuchungsamt Freiburg

Radioaktivität in Lebensmitteln, Trinkwasser und Futtermitteln 2021

Nuklearer Notfallschutz auch nach 36 Jahren Tschernobyl und 11 Jahren Fukushima noch relevant

Dr. Martin Metschies, Christin Fuchs (CVUA Freiburg)

 

Gammaspektrometrie: Wiesengras von der Probenvorbreitung bis zur Messung

Gammaspektrometrie: Wiesengras von der Probenvorbreitung bis zur Messung

 

Durch den Kernreaktorunfall von Tschernobyl (Ukraine) im April 1986 gelangten große Mengen an künstlicher Radioaktivität in die Atmosphäre und verteilten sich weiträumig über Europa. Auch heute sind deshalb noch in einigen Regionen Süddeutschlands erhöhte Cäsium (Cs)-137-Konzentrationen in Wildschweinfleisch messbar.

 

Bei der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima im März 2011 wurden ebenfalls große Mengen radioaktiver Stoffe freigesetzt. Davon gelangten jedoch nur sehr geringe Anteile nach Europa, weshalb sie hier lediglich als Spuren nachweisbar waren. Auch konnten bei Lebensmittelimporten aus Japan bzw. Ostasien nur sehr geringe Radioaktivitätsgehalte weit unter den EU-Einfuhrgrenzwerten festgestellt werden.

 

Fast schon in Vergessenheit geraten sind die massiven Freisetzungen von Radionukliden, vor allem von radioaktivem Strontium (Sr) 90, durch die zahlreichen oberirdischen Kernwaffentests der 1950er und 1960er Jahre. Aufgrund der Sr-90 Belastung von Milchprodukten erfolgte damals die Calcium-Versorgung von Kindern häufig über Kalktabletten.

 

Das folgende Diagramm zeigt die gesamte Strahlendosis, die sich bei einer Person während der jeweiligen Nuklearereignisse und in den darauffolgenden 50 Jahren aufsummiert (Lebenszeit-Dosis).

 

Dosisabschätzung für eine Person in Deutschland

Dosisabschätzung für eine Person in Deutschland 2) Voralpengebiet 3) nördlich der Donau

Datenquellen: 1) BfS [4] ; 2) 3) 4) Koelzer, 2019 [5]

 

Zum Vergleich: Die natürliche Strahlendosis beträgt in Deutschland jährlich ca. 2,4 mSv. Sie wird verursacht durch die natürliche Strahlung aus Boden und Kosmos sowie durch die Aufnahme natürlicher Radionuklide mit der Nahrung und mit der Atemluft (Radon in Wohnräumen). Weitere Informationen finden sich unter Strahlenbelastung des Menschen [11].

 

Aufgrund der Erfahrungen nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl wurde in Deutschland 1990 „IMIS“, ein bundesweites Messnetz für die Umweltradioaktivität, installiert und ständig weiterentwickelt (s. Infokasten IMIS).

 

Die Chemischen und Veterinäruntersuchungsämter (CVUAs) Stuttgart und Freiburg sind neben der Landesanstalt für Umwelt (LUBW) als Landesmessstellen Baden-Württembergs in das IMIS eingebunden. Sie müssen in einer nuklearen Notfallsituation hohe Probenzahlen auch über längere Zeit bewältigen können. Das nicht zu vernachlässigende Risiko von Kernkraftwerksunfällen wurde durch das Reaktorunglück von Fukushima (Japan) am 11. März 2011 wieder in Erinnerung gebracht. Derzeit werden weltweit ca. 440 Kernkraftwerke betrieben, davon allein in der EU ca. 110 [6]. In Deutschland sind derzeit noch 3 Kernkraftwerke in Betrieb [8], [10].

IMIS – Radioaktivitätsmessungen bundesweit vernetzt

Als Folge des Reaktorunfalls von Tschernobyl 1986 wurden auch Teile Deutschlands großräumig radioaktiv kontaminiert. Die gesammelten Erfahrungen führten noch im selben Jahr zur Verabschiedung des „Gesetzes zum vorsorgenden Schutz der Bevölkerung gegen Strahlenbelastung“ (Kurztitel: Strahlenschutzvorsorgegesetz, StrVG), das am 31.Dezember 2018 vom neuen Strahlenschutzgesetz abgelöst wurde. Es enthält insbesondere für einen nuklearen Notfall wichtige Maßnahmenfestlegungen. Hierzu gehört auch das „Integrierte Mess- und Informations-System zur Überwachung der Umweltradioaktivität“ (IMIS).

 

Im Bereitschaftsmodus (IMIS-Routinemessbetrieb) wird der Normalpegel der Umweltradioaktivität erfasst und die dauernde Einsatzfähigkeit der Messstellen in einem Ereignisfall trainiert.

 

In einem echten oder auch geübten Ereignisfall (IMIS-Intensivmessbetrieb) muss hingegen der Probendurchsatz in den Messstellen um ein Vielfaches gesteigert werden.

 

Bund und Länder teilen sich in IMIS die Aufgaben. Die Länder ermitteln im Auftrag des Bundes die Radioaktivität in Umweltmedien wie Lebensmitteln, Futtermitteln, Trinkwasser, Boden, Bewuchs, Oberflächenwasser, Sedimenten, Abwasser und Klärschlamm. Die Messstellen des Bundes erfassen dagegen die Radioaktivität großräumig, z.B. in der Luft. Weiterhin betreibt der Bund (Bundesamt für Strahlenschutz, BfS) das IMIS-Datenbanksystem für die Erfassung und Aufbereitung der Daten. Diese werden in Jahresberichten des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV) veröffentlicht. [7]

 

Mehr als 60 Bundes- und Landeslabore sind an IMIS sind beteiligt. In Baden-Württemberg sind neben der Landesanstalt für Umwelt (LUBW) in Karlsruhe die CVUAs Stuttgart und Freiburg als Landesmessstellen in dieses System eingebunden. Die CVUAs untersuchen für das Bundesmessprogramm routinemäßig mehrere Hundert Lebensmittel-, Futtermittel- und Trinkwasserproben im Jahr. Die aktuellen Messergebnisse sind in Form von Karten und Diagrammen über das Internet beim Bundesamt für Strahlenschutz abrufbar [1]. Dort finden sich auch umfangreiche Erläuterungen und im Ereignisfall entsprechende Empfehlungen an die Bevölkerung. IMIS wertet die Daten im Normalbetrieb täglich, im Ereignisfall alle zwei Stunden aus.

 

Ca. 2000 über Deutschland verteilte Radioaktivitätssonden überwachen rund um die Uhr die Gamma-Strahlungsintensität (Gamma-Ortsdosisleistung, ODL). Die Ergebnisse werden täglich vom Bundesamt für Strahlenschutz veröffentlicht [2]. Die Spurenmessstelle auf dem Schauinsland (1284 m) bei Freiburg überwacht kontinuierlich mit hochempfindlichen Systemen die Radioaktivität in der Luft. Sie ist Teil eines weltweiten Netzes zur Überwachung des Atomwaffensperrvertrags. Etwa 10 Tage nach dem Reaktorunglück im ca. 6000 km entfernten Fukushima (Japan) stellte die Messstation auf dem Schauinsland die ersten Spuren von Cs-137 und Jod-131 aus Japan in der Luft fest. Auch derartige Messergebnisse können über das Internet abgerufen werden [3].

 

[1] Wie funktioniert IMIS?

[2] Ortsdosisleistung: ODL-Info

[3] Spurenmessungen in der Luft

 

Weitere Informationen

[4] Strahlenbelastung durch Kernwaffentests (BfS)

[5] Strahlenbelastung durch Tschernobyl und Fukushima (Koelzer, W., 2019)

[6] Kernkraftwerke in Europa und weltweit 01.07.2020

[7] Jahresbericht Umweltradioaktivität (BfS)

[8] In Betrieb befindliche Kernkraftwerke in Deutschland, (BMUV)

 

Untersuchungen in Lebensmitteln, Futtermitteln und Trinkwasser: Situation 2021

Im Jahr 2021 haben die CVUAs Stuttgart und Freiburg 1328 Lebensmittel-, Futtermittel- und Trinkwasserproben auf Radioaktivität untersucht. Die Analysen erfolgten hauptsächlich im Rahmen des Bundesmessprogrammes „IMIS“ sowie für das Landesmessprogramm „Wild“. Um Aussagen zur Schwankungsbreite der Messwerte zu bekommen, wurden über das Jahr verteilt auch mehrfach Proben vom selben Standort untersucht.

 

Die Konzentration an Radionukliden in der Untersuchungsprobe wird in Becquerel (Bq) pro Gewichts- oder Volumeneinheit angegeben. So bedeutet z.B. 1 Bq Cs-137/kg, dass sich durchschnittlich einmal pro Sekunde ein Cs-137-Atomkern je kg Probe umwandelt und dabei Strahlung aussendet.

 

Abgesehen von Wildschweinfleisch und einigen Wildpilzarten (s.u.) wurden bei den meisten der 1182 Lebensmittelproben nur noch Cs-137-Gehalte im Bereich der Nachweisgrenze (0,1 bis 3 Bq/kg) und damit deutlich unter dem Grenzwert von 600 Bq/kg festgestellt. Dieser Grenzwert gilt streng genommen nur beim Import von Lebensmitteln in die EU. Er wird aber auch allgemein zur Beurteilung von Lebensmitteln herangezogen, die im Handel sind.

 

Ein Teil der Proben wurde zusätzlich auf Sr-90 untersucht, das durch oberirdische Kernwaffentests in den 1950er und 1960er Jahren verstärkt in die Umwelt gelangte. Heute finden sich in Lebensmitteln nur noch geringe Sr-90-Gehalte. Das Radionuklid gehört aber wegen seiner hohen Radiotoxizität weiterhin zum festen Untersuchungsprogramm.

 

Die untersuchten 73 Futtermittelproben zeigten nur geringe Gehalte an künstlicher Radioaktivität: Die Maximalgehalte für Cs-137 bzw. Sr-90 betrugen 1,8 bzw. 0,7 Bq/kg Trockenmasse.

 

Bei den untersuchten 24 Bodenproben lagen die Maximalgehalte für Cs-137 bzw. Sr-90 bei 74 bzw. 4,7 Bq/kg.

 

Die Untersuchung von 49 Trinkwasserproben ergab keine nachweisbaren Gehalte an künstlichen Radionukliden (Nachweisgrenze: 0,05 Bq/l).

 

In bestimmten Regionen können geologisch bedingt auch natürliche Radionuklide der Uran- und Thorium-Zerfallsreihe im Trinkwasser vorkommen. Im Rahmen von Nacherhebungen wurden 20 Proben (z.T. Einzelquellen) auf ihre Gehalte an Alphastrahlern sowie an Radon-222 untersucht. Dabei ergaben sich in einigen Fällen erhöhte Gehalte an Radon-222 bis zu 450 Bq/l und an Gesamt-Alpha bis zu 0,2 Bq/l. Die Prüf- bzw. Anforderungswerte der Trinkwasserverordnung betragen 100 Bq/l für Radon-222 und 0,05 Bq/l für Gesamt-Alpha.

WildschweinWildfleisch

Eine Ausnahmestellung bei den Radioaktivitätswerten nehmen aufgrund ihrer besonderen Ernährungsgewohnheiten die Wildschweine ein, deren Fleisch 36 Jahre nach Tschernobyl teilweise noch deutlich, aber regional sehr unterschiedlich, mit radioaktivem Cs-137 kontaminiert ist. Der Grund: Hirschtrüffel, eine beliebte Nahrungsquelle für Wildschweine, reichern Cäsium aus dem Waldboden an. Insbesondere im Schwarzwald und in Oberschwaben werden in Wildschweinfleisch teilweise noch deutlich erhöhte Cs-137-Gehalte gefunden.

 

Überwachungsprogramm Radioaktivität in Schwarzwild

Die Landesregierung hatte im Jahr 2006 gemeinsam mit dem Landesjagdverband ein Überwachungssystem für Wildschweinfleisch eingerichtet. Es soll sicherstellen, dass Wild mit Cs-137-Gehalten über dem Richtwert von 600 Bq/kg nicht in den Handel kommt. Das Überwachungssystem umfasst folgende Stufen:
 

  • In Überwachungsgebieten, also Bereichen, in denen eine radioaktive Belastung häufiger auftreten kann, muss jedes erlegte Stück Schwarzwild untersucht werden (100%-ige Eigenkontrolle). Dazu haben der Landesjagdverband und einige Landratsämter Messstellen eingerichtet.
  • In den übrigen Landesteilen wird Schwarzwild stichprobenartig in einem amtlichen Monitoring durch die CVUAs Stuttgart und Freiburg untersucht.
  • Zur Überprüfung der Effektivität des Überwachungsprogramms werden Stichproben von Wildschweinfleisch aus Gaststätten und Metzgereien untersucht.

 

Bei den CVUAs Stuttgart und Freiburg gingen 2021 insgesamt 509 Wildschweinproben aus Baden-Württemberg zur Untersuchung ein. Die gemessenen Gehalte sind jedoch nicht repräsentativ für das gesamte in Baden-Württemberg erlegte Schwarzwild, da hier verstärkt Proben aus den höher belasteten Überwachungsgebieten zur Untersuchung kommen (siehe Kasten).

 

Bei 81 Proben (ca. 16 %) wurde eine Überschreitung des Richtwertes von 600 Bq/kg festgestellt. Derartiges Fleisch darf nicht in den Verkehr gebracht werden. Die höchsten Werte ergaben sich bei einzelnen Wildschweinen aus dem Landkreis Rastatt und dem Landkreis Biberach mit 3870 bzw. 1660 Bq/kg.

 

Die kompletten Untersuchungsergebnisse aus allen Messstellen des Landes (einschließlich Eigenkontrollmessstellen) werden vom CVUA Freiburg für das jeweilige Jagdjahr (1. April – 31. März) ausgewertet und jeweils ab Oktober im Internet veröffentlicht.

 

 

Bei der Untersuchung von 35 Wildschweinfleisch-Proben aus Gaststätten und Metzgereien ergab sich in keinem Fall eine Überschreitung des Richtwertes von 600 Bq/kg. Der höchste gemessene Gehalt betrug 180 Bq/kg.

 

Wildbret der übrigen Wildarten (z.B. von Rehwild) aus Baden-Württemberg zeigte in den vergangenen Jahren keine Cs-137-Gehalte über dem Richtwert von 600 Bq/kg.

Wildpilze, Wildbeeren

PfifferlingeAus Gründen des Naturschutzes dürfen Wildpilze in Baden-Württemberg nicht kommerziell vermarktet, sondern nur für den privaten Bedarf gesammelt werden (max. 1 kg pro Tag und Person). Entsprechendes Untersuchungsmaterial steht den CVUAs daher nur durch die gelegentlichen Einsendungen privater Pilzsammler zur Verfügung.

 

Im Jahr 2021 wurden 28 Proben Wildpilze (Sammelgebiete Baden-Württembergs sowie Importe aus Osteuropa) zur Untersuchung auf Radioaktivität eingesandt. Bei eingeführten Wildpilzen lag der Cs-137-Gehalt – wie in den zurückliegenden Jahren – deutlich unter dem Importgrenzwert von 600 Bq/kg (Maximalwert: 51 Bq/kg). Auch bei heimischen Wildpilzen konnten 2021 keine Cs-137-Gehalte über 600 Bq/kg festgestellt werden (Maximalwert: 201 Bq/kg). Bei zwei Importkontrollen von Wildheidelbeeren wurden Cs-137-Gehalte von 21 und 3,1 Bq/kg festgestellt.

 

 

Weitere Informationen

[9] Umweltradioaktivität und Strahlenbelastung

[10] Kerntechnik in Deutschland

[11] Strahlenbelastung des Menschen durch natürliche und künstliche radioaktive Quellen

 

Bildnachweis

alle CVUA Freiburg

 

Artikel erstmals erschienen am 26.04.2022 10:19:19

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