Baden-Württemberg

Chemisches und Veterinäruntersuchungsamt Freiburg

Untersuchungen auf Radioaktivität – Ergebnisse des Jahres 2012

Dr. Martin Metschies, CVUA Freiburg und Dr. Helmut Kaut, CVUA Stuttgart

 

Die CVUAs Stuttgart und Freiburg haben im Jahr 2012 insgesamt ca. 1500 Lebensmittel-, Futtermittel- und Trinkwasserproben auf Radioaktivität untersucht. Zusätzlich waren im Rahmen einer großangelegten bundesweiten Übung innerhalb einer Woche noch einmal etwa 800 Proben zu bewältigen.

SymbolSolche Übungen finden alle 2 - 3 Jahre als wichtiger Bestandteil des bundesweiten Radioaktiviätsmesssystems „IMIS" statt. Dieses „Integrierte Mess- und InformationsSystem zur Überwachung der Umweltradioaktivität wurde in Deutschland aufgrund der Erfahrungen mit dem Reaktorunfall von Tschernobyl (1986) eingerichtet.

 

Die CVUAs Freiburg und Stuttgart sind als IMIS-Landesmessstellen für Baden-Württemberg in das bundesweite Messsystem eingebunden. Die aktuellen Messergebnisse des IMIS sind in Form von Karten und Diagrammen über das Internet beim Bundesamt für Strahlenschutz abrufbar (www.bfs.de). Dort finden sich auch umfangreiche Erläuterungen und gegebenenfalls entsprechende Empfehlungen an die Bevölkerung. IMIS wertet die Daten im Normalbetrieb täglich, im Ereignisfall alle 2 Stunden aus.

 

Tabelle: Untersuchungen auf radioaktives Cäsium

Tabelle

 

Probenzahlen und Ergebnisse

Im Jahr 2012 wurden in Baden-Württemberg insgesamt 1510 Lebensmittel-, Trinkwasser-, Futtermittel- und Bodenproben auf ihren Radioaktivitätsgehalt untersucht. Den größten Teil der Untersuchungen machten die gammaspektrometrischen Analysen auf radioaktives Cäsium aus (Cs-137, Cs-134). Wie die Tabelle zeigt, ist die Kontamination mit radioaktivem Cäsium bei den meisten Lebensmitteln nur noch sehr gering. Gehalte über dem Grenzwert sind teilweise jedoch noch bei Wild festzustellen.

 

Strahlenbelastung durch die Nahrung

An der durchschnittlichen Strahlenbelastung der Bevölkerung hat die Nahrung derzeit nur noch einen Anteil von ca. 10 %. Davon entfällt der größte Teil auf die natürlichen Radionuklide wir Kalium-40 sowie auf Folgeprodukte des Urans.

 

Grenzwerte

Nach der sogenannten Tschernobyl-Verordnung (VO (EG) Nr. 733/2008) dürfen Lebensmittel aus bestimmten Drittländern, die vom Fallout stärker kontaminiert wurden, nur dann importiert werden, wenn der Grenzwert für Cäsium-134+137 nicht überschritten ist. Dieser beträgt 370 Becquerel (Bq) pro kg bei Milchprodukten und Kleinkindernahrung beziehungsweise 600 Bq pro kg bei allen übrigen Lebensmitteln.

 

Der Grenzwert wurde ursprünglich aus Vorsorgegründen nur für die radioaktive Kontamination von Nahrungsmittelimporten aus Drittländern in die Europäische Gemeinschaft festgelegt, ist nach der deutschen Rechtsprechung aber auch auf den Handel innerhalb Deutschlands anzuwenden. In Deutschland werden Lebensmittel, welche die genannten Grenzwerte überschreiten, von der Überwachung als nicht sichere Lebensmittel im Sinne Verordnung (EG) 178/2002 und damit als nicht verkehrsfähig beurteilt.

 

Wildfleisch

WildschweinDie Kontamination von heimischem Wildfleisch, insbesondere Wildschweinfleisch, ist selbst 27 Jahre nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl immer noch deutlich messbar. Von den CVUAs wurden im Jahr 2012 in Baden-Württemberg Gehalte für radioaktives Cäsium von nicht nachweisbar (< 0,1 Bq/kg) bis 4496 Bq/kg bei einer Wildschwein-Probe aus dem Kreis Biberach festgestellt.

 

Darüber hinaus haben die Eigenkontrollstellen der Jägerschaft weitere Wildschweinproben untersucht und sogar Gehalte von ca. 13000 Bq/kg festgestellt. Die zusammengefassten aktuellen Messergebnisse für das zurückliegende Jagdjahr (01.04.2012 -31.03.2013) wurden vom CVUA Freiburg kürzlich in Form von Karten und Tabellen veröffentlicht.

 

Wild mit einem Gesamtcäsium-Gehalt von mehr als 600 Bq/kg ist nach EU-Recht als nicht sicheres Lebensmittel zu bewerten und darf nicht in den Handel kommen.

 

Gründe für die große Spannbreite der gefundenen Cäsium-Gehalte sind zum einen die regional verschiedenen Kontaminationen durch den Tschernobyl-Fallout sowie das jeweils bestehende Nahrungsangebot. Besonders Nahrungsbestandteile aus dem Boden (z. B. Hirschtrüffel mit bis zu 10000 Bq/kg Frischmasse) können zu hohen Cäsium-Gehalten im Wildschweinfleisch führen. Die Fruchtkörper der Pilze reichern das Cäsium über ihr weit ausgedehntes Pilzgeflecht (Mycel) aus dem sauren, ansonsten mineralstoffarmen Waldboden an.

 

Die Landesregierung Baden-Württembergs hat deshalb im Jahr 2005 ein umfangreiches Überwachungsprogramm installiert. Danach müssen in den als belastet erkannten Gebieten alle Wildschweine vor ihrer Vermarktung auf Radioaktivität untersucht werden, und zwar in eigener Verantwortung der Jäger. Zusätzliche „Erkundungsmessungen" durch die staatlichen Labors (CVUA Stuttgart und Freiburg) sollen sicherstellen, dass mögliche weitere Belastungsgebiete erkannt werden. Weiterhin werden Proben aus Gaststätten und Metzgereien untersucht. Die dabei im Jahr 2012 festgestellten Cs-137-Gehalte lagen sämtlich unter dem Grenzwert.

 

Wildpilze

Von 34 untersuchten Pilzproben stammten 21 aus Baden-Württemberg. Den höchsten Cs-137-Gehalt unter diesen heimischen Pilzen zeigte eine Probe Mischpilze (u.a. Maronenröhrlinge) aus dem Kreis Biberach/Riß (636 Bq/kg). Auch Hirschtrüffel zeigen regelmäßig höhere Cs-137-Gehalte. Hirschtrüffel sind zwar für den menschlichen Genuss ungeeignet, für Wildschweine aber eine Delikatesse und führen zu den bekannten Belastungen des Wildschweinfleisches mit Cs-137.

 

Bei der Messung von heimischen Wildpilzen sind die CVUAs auf Proben von privaten Pilzsammlern angewiesen, denn Pilze dürfen nicht zu kommerziellen Zwecken geerntet werden. Eine Beprobung von heimischen Wildpilzen, z.B. auf Wochenmärkten, ist somit nicht möglich.

 

Bei den übrigen Pilzproben handelte es sich um importierte Pfifferlinge (Handelsproben) aus der Ukraine, Russland und Weißrussland, deren Cs-137-Gehalte sämtlich unter dem Importgrenzwert von 600 Bq/kg lagen. Den höchsten Gehalt mit 266 Bq/kg wiesen Pfifferlinge aus Russland auf.

 

Strontium-90, Plutonium- und Uran-Isotope

Ein Teil der Proben wurde zusätzlich auf Strontium-90 untersucht, das durch oberirdische Kernwaffentests in den 1950er und 1960er Jahren verstärkt in die Umwelt gelangte. Strontium-90 findet sich heute zwar nur noch in Spuren in Lebensmitteln, gehört aber, wie die Plutonium- und Uran-Isotope, wegen der hohen Radiotoxizität weiterhin zum festen Untersuchungsprogramm.

 

Proben aus anderen Bereichen

Landwirtschaft: Futtermittel, Böden

Die Untersuchung von 67 Futtermittelproben ergab nur geringe Gehalte an künstlicher Radioaktivität: Der festgestellte Maximalgehalt für Cs-137 betrug 4,8 Bq/kg Trockenmasse, für Sr-90 lag er bei 3,5 Bq/kg Trockenmasse. Diese Ergebnisse sind (umgerechnet auf Frischmasse) mit denen für Nahrungsmittel vergleichbar.

 

Bei den 23 untersuchten Bodenproben ergaben sich Maximalgehalte für Cs-137 von 81 Bq/kg und für Sr-90 von 2,5 Bq/kg. Die Radiocäsium-Kontamination der Böden nimmt wegen der starken Bindung des Cäsiums an Tonminerale nur sehr langsam ab. Andererseits wird wegen dieser starken Bindung auch kaum Cäsium durch die landwirtschaftlich genutzten Pflanzen aufgenommen.

 

Besondere Ereignisse 2012

EU-Inspektion des Radioaktivitätslabors am CVUA Freiburg

Im Juli 2012 wurde durch die Europäische Kommission im Raum Freiburg eine Überprüfung der Überwachung der Umweltradioaktivität in Deutschland gemäß Artikel 35 EURATOM-Vertrag durchgeführt. Auch die Messstelle am CVUA Freiburg wurde begutachtet. In einem vorläufigen Fazit bescheinigten die EU-Inspektoren eine Umweltradioaktivitätsüberwachung auf höchstem Niveau mit Vorbildcharakter für andere europäischen Staaten.

 

Laborbild

Radioaktivitätsübung (IMIS-Intensivbetrieb)

Im November 2012 haben die CVUAs Stuttgart und Freiburg an einer großangelegten bundesweiten IMIS-Radioaktivitätsübung teilgenommen, bei der erstmals mehr als 800 Proben innerhalb einer Woche zu bewältigen waren. Gezielt sollten bei dieser Übung die Messlabore ihre Belastungsgrenzen herausfinden.

 

Aufgrund der gewonnenen praktischen Übungserfahrungen lassen sich die erforderlichen Verbesserungen wesentlich konkreter angehen. Ganz besonders deutlich wurde bei dieser Übung der Bedarf nach Schnellmethoden bei chemischen Abtrennverfahren (z.B. für Sr-90). Ohne diese können die geforderten Untersuchungszahlen im Ereignisfall nicht erbracht werden.

 

Bildnachweis

Carsten Przygoda, www.pixelio.de, Image-ID: 356283 (Wildschwein)

 

 

Artikel erstmals erschienen am 20.08.2013 15:33:27

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