Baden-Württemberg

Chemisches und Veterinäruntersuchungsamt Karlsruhe

Ozempic® – die Diabetesspritze, die auch als „Schlankheitsmittel“ verwendet wird

Fälschungsverdacht nun auch analytisch bestätigt

Die Fachbereiche Arzneimittel, kosmetische Mittel und NMR des CVUA Karlsruhe

 

Ozempic® ist eigentlich für die Behandlung von Diabetes zugelassen. Aber weil es auch den Appetit zügelt, preisen Promis Ozempic® auch als „Abnehmspritze“ an. Seit Oktober warnen Behörden aus mehreren Staaten vor gefährlichen Fälschungen des Arzneimittels Ozempic®. Das CVUA Karlsruhe hat jetzt durch analytische Untersuchungen herausgefunden, dass in verdächtigen Ozempic®-Fertigpens statt des deklarierten Wirkstoffes Semaglutid der Arzneistoff Insulin glulisin enthalten ist. Wenn Personen ohne Diabeteserkrankung die gefälschten Ozempicspritzen mit Insulin erhalten, kann es zu einer gefährlichen Unterzuckerung mit Krämpfen und plötzlicher Bewusstlosigkeit kommen.

Derzeit stehen einzelne Ozempic®-Chargen unter Fälschungsverdacht. Aufgefallen sind die Fälschungen, da sich das Aussehen der original Ozempic®-Fertigspritzen vom Aussehen der gefälschten Fertigpens deutlich unterscheidet (Pressemitteilung des Regierungspräsidiums Freiburg). Außerdem wurden in Österreich Personen, die diese verdächtigen Fertigspritzen angewendet hatten, mit typischen Symptomen einer Unterzuckerung (Hypoglykämie) in Krankenhäuser eingeliefert. Von den Fälschungen geht eine erhebliche Gesundheitsgefährdung aus!

 

Aufgrund der Ähnlichkeit mit dem Insulinpen Apidra®-Solostar lag der Verdacht nahe, dass es sich bei den Fälschungen um umettiketierte Insulinpens handeln könnte.

 

Es sind jeweils drei Pens mit unterschiedlichem Aussehen dargestellt, die den Produkten Ozempic®-Fälschung, Ozempic®-Fertigpen und Apidra®-Fertigpen zugeordnet sind

Abb.1: Ozempic®-Fälschung, Apidra®-Fertigpen, Ozempic®-Fertigpen

 

Das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt Karlsruhe konnte nun in der Injektionslösung der verdächtigen Fertigspritzen mittels Flüssigchromatographie gekoppelt mit hochauflösender Massenspektrometrie (LC-HRMS) sowie mittels Kernspinresonanzspektroskopie (NMR) nachweisen, dass der Wirkstoff Semaglutid des Fertigarzneimittels Ozempic® in den vermeintlichen Fälschungsproben nicht enthalten war. Stattdessen wurde der Wirkstoff Insulin glulisin identifiziert.

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Arzneistoffe Insulin glulisin und Semaglutid

Insulin glulisin (Apidra®)

Insulin reguliert durch seine blutzuckersenkende Wirkung die Aufnahme von Glucose in die Körperzellen. Insulin glulisin ist ein schnell und kürzer wirksames Insulin. Schnell wirkende Insuline können eine akute Unterzuckerung verursachen. Bei starker Fehldosierung kann es zu einem lebensbedrohlichen Koma kommen, da dem Körper kein Zucker mehr für den Zellstoffwechsel zur Verfügung steht.

 

Semaglutid (Ozempic®)

Semaglutid ist ein langsam und indirekt wirkender Blutzucker-Senker. Es erhöht die Insulinausschüttung durch Bindung an bestimmte Rezeptoren. Hierdurch wird der Blutzuckerspiegel gesenkt.

 

Die Unterscheidung der Wirkstoffe war durch ihre chromatographische Trennung in Verbindung mit der Bestimmung ihrer exakten Massen und der Verteilung der unterschiedlichen natürlichen Atomarten der enthaltenen Elemente (Isotopenverteilung) möglich.

 

Chromatogramme Ozempic®-Fälschung, Pen 1 und 2, Semaglutid und Insulin glulisin, Trennzeiten der Wirkstoffpeaks

Abb.2: Chromatogramme Ozempic®-Fälschung Pen 1 und 2, Semaglutid aus dem Original Ozempic®, Apidra® mit Insulin glulisin

 

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Analysentechnik LC-HRMS

LC-HRMS ist die Abkürzung für Liquid Chromatography - High Resolution Mass Spectrometry (Flüssigchromatographie gekoppelt mit hochauflösender Massenspektrometrie). Diese ermöglicht nach einer chromatographischen Vortrennung der zu bestimmenden Substanzen die exakte Ermittlung des Masse-zu-Ladungsverhältnisses von Ionen mit hoher Massenauflösung und Massengenauigkeit. Mit den so gewonnenen Daten ist eine genaue Bestimmung der chemischen Zusammensetzung von Stoffen möglich. Eine weitergehende Aufklärung der Struktur eines Stoffes wird durch Zerstörung der Substanzen (Fragmentierung) und massenspektrometrische Bestimmung der Bruchstücke möglich (Tandem-Massenspektrometrie).

 

Auch durch Protonen-Kernspinresonanzspektroskopie (1H-NMR-Spektroskopie) konnte bestätigt werden, dass die Zusammensetzung der verdächtigen Injektionslösungen nicht mit Ozempic® übereinstimmen, jedoch sehr gut mit dem Insulinpräparat Apidra® Solostar (siehe Abbildungen 3 und 4). Neben den Wirkstoffen können auch die Hilfsstoffe, die zur Stabilisierung der Arzneimittelzubereitungen enthalten sind, zur Unterscheidung dienen. Die in Apidra® Solostar enthaltenen Hilfsstoffe Kresol und Trometamol wurden in den Verdachtsproben in vergleichbaren Mengen wie im Original-Fertigarzneimittel nachgewiesen (siehe Abbildung 3). Die oben genannten Hilfsstoffe sind in Ozempic® nicht enthalten. Des Weiteren waren die in Ozempic® enthaltenen Hilfsstoffe - Phenol und Propylenglykol - in der Verdachtsprobe nicht identifizierbar. Auch als Fingerprint der Polypeptide gibt es keine Übereinstimmung zwischen der Verdachtsprobe und einer Probe authentischen Ozempics (siehe Abbildung 4).

 

 

1H-NMR-Signale der Hilfsstoffe von Fälschung (Signale blau) und Apidra® (rot) zeigen sehr gute Übereinstimmung. a) Signale von Kresol b) Restsignal von Wasser c) Signal von Trometamol d) Signal von Kresol e) Signal des internen Standards

Abb.3: 1H-NMR-Signale der Hilfsstoffe von Fälschung (rot) und Apidra® (blau) zeigen sehr gute Übereinstimmung. a) Signale von Kresol b) Restsignal von Wasser c) Signal von Trometamol d) Signal von Kresol e) Signal des internen Standards

 

 

Abb.4: 1H-NMR-Spektren von Fälschung (rot) und echtem Ozempic® (blau), stark vertikal gezoomt und intensive Signale ausgebleicht, um den Untergrund schwacher Signale der Polypeptide sichtbar zu machen – keine Übereinstimmung der Spektren

 

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Analysentechnik NMR

Die NMR-Spektroskopie (Nuclear Magnetic Resonance = Kernspinresonanzspektroskopie) ist ein Untersuchungsverfahren, mit dem man Substanzen identifizieren und ihre Konzentrationen bestimmen kann. Manche Atomkerne (z. B. Wasserstoff, 1H) zeigen deutliche magnetische Eigenschaften, wenn Sie in ein starkes Magnetfeld gebracht werden. Diese Atomkerne können dann angeregt werden und senden anschließend charakteristische Signale aus. Frequenz und Form dieser Signale hängen von der elektronischen Umgebung der Atomkerne ab. Deshalb hat die Molekülstruktur charakteristischen Einfluss auf das NMR-Spektrum und kann oft aus dem Spektrum abgeleitet werden. Die Intensität der Signale liefert Informationen über die Konzentration der Substanz(en) im Messpräparat. Die NMR-Spektroskopie ist eine der leistungsfähigsten Methoden zur Strukturaufklärung von Substanzen und eine Primärmethode zur Konzentrationsbestimmung. Am häufigsten genutzt wird die Protonen-NMR-Spektroskopie (1H-NMR).

 

Fazit

Die Verwendung von gefälschten Ozempic®-Pens kann für Patientinnen und Patienten lebensbedrohlich sein. Daher dürfen nur Produkte verwendet werden, die auf Rezept über legale Vertriebswege bezogen wurden. Bei Verdacht auf gefälschte Ozempic®-Pens wenden Sie sich bitte unbedingt an eine Apotheke. Diese kann die Echtheit des Arzneimittels überprüfen. Das CVUA Karlsruhe wird auch weiterhin verdächtige Produkte untersuchen, um Patientinnen und Patienten vor Fälschungen zu schützen.

 

Weitere Informationen finden Sie auf die Homepage des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM - Fälschung des Arzneimittels Ozempic®).

 

 

Artikel erstmals erschienen am 22.11.2023 12:38:48

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