Baden-Württemberg

Die Untersuchungsämter für Lebensmittelüberwachung und Tiergesundheit

Veganer und Vegetarier aufgepasst – Spirulina, Afa und Chlorella sind keine zuverlässigen Vitamin B12-Quellen!

Ein Bericht aus unserem Laboralltag

Dr. Christiane Lerch (CVUA Stuttgart), Tobias Morlock (CVUA Freiburg), Verena Bock (CVUA Karlsruhe)

 

Sowohl die vegane als auch die vegetarische Ernährung wird in der westlichen Welt immer beliebter. Der Anteil der Menschen, die sich vegan ernähren, d. h. neben Fleisch und Fisch auch auf sämtliche Produkte tierischen Ursprungs verzichten, hat in den letzten Jahren auch in Deutschland zugenommen. Die drei wichtigsten Motive für eine vegane Ernährung sind Berichte über Massentierhaltung, Klimaschutzgründe und gesundheitliche Aspekte [1].
Nachteil einer rein pflanzlichen Ernährung ist, dass eine ausreichende Versorgung mit einigen Nährstoffen nicht oder nur schwer möglich ist. Der kritischste Nährstoff – ganz besonders für Veganer – ist das Vitamin B12 [2], [3]. Im Handel und insbesondere im Internet wird bei vielen – z. T. als „Nahrungsergänzungsmittel“ bezeichneten – Spirulina-, Afa (Aphanizomemon flos-aquae)- und Chlorella-Erzeugnissen auf einen Gehalt an Vitamin B12 hingewiesen. Unsere Ergebnisse zeigen jedoch, dass meist viel höhere Gehalte angegeben werden, als die Produkte tatsächlich enthalten. Spirulina, Afa und Chlorella sind deshalb keine sicheren Quellen für die Zufuhr von Vitamin B12!

 

Foto: pulverförmige und in Tabletten gepresste Spirulinaprodukte.

 

Bedeutung von Vitamin B12 im Stoffwechsel des Menschen

Als Vitamin B12 werden verschiedene wasserlösliche Verbindungen zusammengefasst, die ein Cobalt-Atom als Zentralatom enthalten , wovon sich die Bezeichnung „ Cobalamine“ ableitet.

 

Grafik: allgemeine Strukturformel von Cobalaminen (Vitamin B12).Vitamin B12 ist für den Menschen lebensnotwendig. Es ist am Stoffwechsel von Fettsäuren und Aminosäuren beteiligt, bedeutsam für die Blutbildung, die Nervenfunktion sowie die Zellteilung und zudem in den Folsäure- und Homocysteinstoffwechsel eingebunden. Damit Vitamin B12 vom Körper aufgenommen werden kann, muss es zunächst an ein im Magen gebildetes Eiweiß – den sog. “ Intrinsic Factor“ – gebunden werden und kann erst dadurch im Dünndarm resorbiert werden. Daher treten Mangelerscheinungen häufig bei Erkrankungen der Magenschleimhaut auf [4], [5], [6].

 

Cobalamine (Vitamin B12; siehe Grafik links)

Methylcobalamin: = -CH 3

Adenosylcobalamin: = 5´-Desoxyadenosyl

Cyanocobalamin: = -C≡N

Aquocobalamin: = -H 2O

Hydroxocobalamin: = -OH

Quelle: Wikipedia

 

Vitamin B12 in Afa, Spirulina und Chlorella?

Afa und Spirulina sind, da sie keinen echten Zellkern besitzen, aus taxonomischer Sicht keine Algen, sondern werden den (essbaren) Cyanobakterien zugeordnet. Bei Chlorella handelt es sich dagegen um eine „echte“ Alge.

Es ist aus der wissenschaftlichen Literatur schon länger bekannt, dass diese Organismen mit „echtem“ Vitamin B12 strukturell verwandtes „Pseudo“-Vitamin B12 enthalten. Zwar gehören diese Verbindungen aufgrund eines gemeinsamen Grundgerüstes zu einer Stoffgruppe („Corrinoide“), jedoch hat „Pseudo“-Vitamin B12 keine Vitaminfunktion für den Menschen und kann die Aufnahme von Vitamin B12 sogar stören.

Bei Afa und Spirulina überwiegt der Gehalt an „Pseudo“-Vitamin B12 gegenüber Vitamin B12 bei weitem; bei Chlorella sind die Angaben in der Literatur nicht eindeutig [4], [7] bis [12].

Diese Problematik wurde bereits 2011 von der Stiftung Warentest aufgegriffen. Auch in der Rechtsprechung ist der Sachverhalt anerkannt – das Kammergericht Berlin untersagte deshalb mit Urteil vom 28.01.2011 (5 U 133/09) die Bewerbung „Spirulina – reich an Vitamin B12“.

Trotz der wissenschaftlichen Erkenntnisse wird – vor allem im Internet – behauptet, dass es sich bei den genannten Erzeugnissen um „gute Quellen für Vitamin B12“ handelt.

Daher wurden zusätzlich zu den amtlichen Proben aus Baden-Württemberg einige Produkte als Testkäufe aus dem Online-Handel beschafft. Dies erfolgte in Zusammenarbeit mit dem Internetüberwachungsteam in Baden-Württemberg (Stabstelle Ernährungssicherheit (SES) am Regierungspräsidium Tübingen und dem CVUA Karlsruhe).

 

Ergebnisse der Laboruntersuchungen

Die Ergebnisse der Überprüfung des Vitamin B12-Gehaltes werden nachstehend grafisch dargestellt:

 

Grafik: Darstellung der Untersuchungsergebnisse von Afa auf Vitamin B12.

 

Grafik: Darstellung der Untersuchungsergebnisse von Chlorella auf Vitamin B12.

 

Grafik: Darstellung der Untersuchungsergebnisse von Spirulina auf Vitamin B12.

 

Sofern ein Vitamin B12-Gehalt angegeben war, lag der Wert mit wenigen Ausnahmen erheblich über dem analytisch ermittelten Gehalt. Die Zufuhr von Vitamin B12 ist somit sehr viel geringer als der Verbraucher erwartet. Die Vitamin B12-Gehalte variieren erheblich, was möglicherweise unterschiedlichen Wachstumsbedingungen der Algen geschuldet ist. Zudem gibt es auf dem Markt auch Präparate mit separat zugesetztem Vitamin B12.

 

Die Vitamin B12-Gehalte pro 100 g lagen bei

  • 3 Proben Afa unter 10 µg,
  • 7 Proben Chlorella zwischen 4 µg und 58 µg,
  • 16 Proben Spirulina zwischen 4 µg und 20 µg und
  • 6 Proben Spirulina zwischen 23 µg und 91 µg.

 

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) schätzt die angemessene Zufuhrmenge für Erwachsene auf 4 µg Vitamin B12 pro Tag; für schwangere bzw. stillende Frauen auf 4,5 bzw. 5,5 µg pro Tag.

Bestimmungsgemäß sollen von Afa, Chlorella und Spirulina in der Regel weniger als 5 g täglich konsumiert werden. Es ist anschaulich, dass ein Veganer zur Deckung seines Vitamin B12-Bedarfes von den meisten Produkten eine erheblich höhere Menge verzehren müsste.

Um die Bezeichnung „Nahrungsergänzungsmittel mit Vitamin B12“ zu rechtfertigen, müssen in der vorgesehenen Tagesverzehrsmenge mindestens 0,375 µg Vitamin B12 enthalten sein.

 

Infokasten

Erklärung für die zu hohen Angaben des Vitamin B12-Gehaltes

Die Ursache für zu die zu hohen Angaben des Vitamin B12-Gehaltes durch die Unternehmen könnte in der Verwendung eines für die Bestimmung nicht ausreichend selektiven Analysenverfahrens liegen, bei dem „Pseudo“-Vitamin B12 miterfasst wird [13], [14].

Bei dem am CVUA Freiburg angewendeten Messverfahren werden selektiv die Cobalamine (B12-wirksame Substanzen) extrahiert und bestimmt; andere Corrinoide (ohne nachgewiesene B12-Wirkung) werden nicht erfasst.

Die Probe wird zunächst mit Pufferlösung extrahiert. Anschließend werden die Cobalamine durch den Zusatz von Kaliumcyanid quantitativ in Cyanocobalamin umgewandelt. Dieses wird dann über eine Immunoaffinitätssäule selektiv angereichert und der Gehalt mittels Hochdruckflüssigkeitschromatographie (HPLC) analysiert (schematische Darstellung):

 

Grafik: schematische Darstellung der Immuno-Affinitätschromatographie.

Quelle: https://www.swisseduc.ch/chemie/labor/antibody/docs/Antibody_praktikum.pdf

 

Unser Fazit: Gehaltsangaben für Vitamin B12 sind bei Spirulina-, Afa- und Chlorella-Erzeugnissen nicht zuverlässig!

Zu hohe Angaben in der Produktkennzeichnung können ein Problem für die Versorgung der Hochrisikogruppe der Veganer, aber auch für Vegetarier und ältere Menschen darstellen.

 

Eine ausreichende Vitamin B12-Versorgung ist nach derzeitigem Kenntnisstand bei veganer Ernährung nur durch Einnahme eines Nährstoffpräparates möglich. Der gezielte Einsatz von Monopräparaten nach ärztlicher Beratung ist der Verwendung von Multi-Vitaminpräparaten vorzuziehen [3].

 

Quellen

[1] Ernährungsumschau: Vegane Ernährung: Motive, Einstieg und Dauer - Erste Ergebnisse einer quantitativen sozialwissenschaftlichen Studie (17.06.2019)

[2] Ernährungsumschau: Vegane Ernährung (17.06.2019)

[3] Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V.: Ausgewählte Fragen und Antworten zu veganer Ernährung (17.06.2019)

[4] Fachgesellschaft für Ernährungstherapie und Prävention: Vitamin B12 (Cobalamin) im Schnellüberblick (17.06.2019)

[5] DACH-Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr, 2. Auflage, 3. aktualisierte Ausgabe 2017, Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Bonn

[6] Hahn/Ströhle/Wolters „Ernährung“, 3. Auflage, WVG Stuttgart 2016

[7] Watanabe F., Pseudovitamin B(12) is the predominant cobamide of an algal health food, spirulina tablets. J. Agric. Food Chem. 1999 Nov; 47(11):4736:41

[8] Watanabe F. et al., Characterization and Bioavailability of Vitamin B12-Compounds from Edible Algae, J. Nutr. Sci. Vitaminol. 48, 325–331, 2002

[9] Miyamoto E. et al., Purification and Characterization of a Corrinoid-Compound in an Edible Cyanobacterium Aphanizomenon flos-aquae as a Nutritional Supplementary Food. J. Agric. Food Chem. 2006, 54, 9604–9607

[10] Watanabe et al.: Biologically Active Vitamin B12-Compounds in Foods for Preventing Deficiency among Vegetarians and Elderly Subjects. J. Agric. Food Chem. 2013, 61, 6769–6775

[11] Watanabe et al., Vitamin B12-Containing Plant Food Sources for Vegetarians. Nutrients 2014, 6, 1861–1873

[12] Watanabe F., Minireview – Vitamin B12 Sources and Bioavailability, Exp Biol Med 232:1266.1274, 2007

[13] Heudi O, Kilinç T, Fontannaz P, Marley E. 2006. Determination of Vitamin B12 in food products and in premixes by reversed-phase high performance liquid chromatography and immunoaffinity extraction. J. Chromatogr. A. 1101:63-38.

[14] Karmi O, Zayed A, Baraghethi S, Qadi M, Ghanem R, Measurement of vitamin B12 concentration: A review on available methods, The IIOAB Journal, Jan 2011

 

Bericht erschienen am 17.12.2019 08:11:10

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