Zunehmend ein Problem: Amöbenkrankheit der Kiemen bei Regenbogenforellen

Beschreibung der Krankheit und neue Erkenntnisse

Ein Bericht aus unserem Laboralltag

Elisabeth Nardy

 

Zusammenfassung

Schmuckelement.Im Labor Fischdiagnostik am CVUA Stuttgart wurden in den vergangenen Jahren vermehrt Amöben als Ursache von proliferativen Kiemenschwellungen bei Regenbogenforellen diagnostiziert. Dabei kommt es zu teils massiven Ausfällen und wirtschaftlichen Verlusten in Forellenzuchten. Ob Amöben im Süßwasser tatsächlich für diese Erkrankung verantwortlich zu machen sind, und welche Arten beteiligt sind war lange Zeit nicht gesichert. Insbesondere Untersuchungen einer Zusammenarbeit des CVUA Stuttgart mit der Universität in Budweis, bei der gezielte Kiemenproben aus dem Jahr 2008 in Bezug auf Ätiologie und Pathogenität der Amöbenkrankheit untersucht wurden erbrachten deutliche Hinweise auf eine Pathogenität von Amöben der Gattung Naegleria.

 

Einleitung

Amöben sind nahezu ubiquitär vorkommende einzellige Organismen, die bei vielen Tierarten und auch dem Menschen parasitäre Lebensweise annehmen können.
Sie werden sowohl in Süß- oder Salzwasser aber auch in feuchten Böden oder Oberflächen, ja sogar in der Luft nachgewiesen. Dort bilden sie sogenannten Biofilme wo sie sich von organischem Material oder Bakterien durch Phagozytose ernähren. Die Gestalt der Amöben ist vielfältig, denn sie verändern ständig ihre Form. Die Fortbewegung erfolgt fließend (amöboid) durch die Ausbildung von sog. Scheinfüßchen (Pseudopodien).  Neben den beweglichen Stadien, den Trophozoiten, die z.T. auch begeißelt sind, werden Zysten als Dauerstadien gebildet. Bei zahlreichen Tierarten und auch dem Menschen sind z.T. hoch pathogene parasitäre Arten bekannt. Bei Reptilien und Schweinen können diverse Amöbenarten hochgradige Darmentzündungen hervorrufen (z.B. Entamoeba invadens, Entamoeba suis). Beim Menschen verursachen in tropischen und subtropischen Regionen Entamoeba histolytica gefürchtete Durchfallerkrankungen und Naegleria fowleri oder Acantamöben  Gehirn- und Augeninfektionen, die sogar zum Tode führen können.

 

Vorkommen von Amöben bei Fischen

Bei Fischen wird insbesondere die Amöbenkrankheit der Kiemen bei Salzwasserfischen (AGD, Amoebic gill disease) als hoch pathogen angesehen. Als ätiologisches Agens wurde hierbei Neoparamoeba pemaquidensis und Neoparamoeba peruans identifiziert.

Im Süßwasser wurde bereits in den 1970er Jahren die proliferative Kiemenschwellung in Verbindung mit Amöben gebracht (Sawyer et al. 1974) . Das Krankheitsbild der proliferativen Kiemenschwellung, im englischen Sprachraum als sog. Nodular gill disease (NGD) bezeichnet, wurde erstmals von Doust und Ferguson (1985) mit dem Nachweis von Cochliopodium spp. beschrieben. Allerdings beruhten die damals angewandten Nachweisverfahren auf morphologischen Beschreibungen ohne sicheren Nachweis der Pathogenität. Untersuchungen in Baden-Württemberg in Zusammenarbeit mit der Universität in Budweis, die im Jahr 2008 durchgeführt wurden (Dykovà et al. 2010), ergaben erstmals den Nachweis von Spezies der Gattung Naegleria als pathogene Art bei Kiemenschwellung bei Regenbogenforellen (s. unten).

Daneben gibt es nur wenige Nachweise systemischer, durch Amöben hervorgerufener Erkrankungen (Acanthamoeba sp., Naegleria australiensis), jedoch auch ohne sicheren Nachweis der Pathogenität. Ferner wurden in der Vergangenheit bei Fischen im Süß- als auch im Salzwasser verschiedene Amöbenarten (z.B. Vannella sp., Platyamoeba sp., Acanthamoeba sp., Naegleria sp., Cochliopodium sp., Vexillifera bacillipedes) ebenfalls ohne klinische Symptomatik nachgewiesen (Dykovà und Lom, 2004).

 

Untersuchungen zur Ätiologie der Amöbenkrankheit

Im Jahr 2008 wurde im Rahmen einer Kooperation des CVUA Stuttgarts mit der Universität in Budweis (Institute of Parasitology, Biology Centre of the Academy of Sciences of the Czech Republic, České Budějovice, Czech Republic) Untersuchungen zur Differenzierung und Pathogenese von Amöben aus 5 Betrieben, welche Probleme mit Proliferativer Kiemenschwellung hatten, durchgeführt (Dykovà et al. 2010).
Dabei wurden Fische vor Ort klinisch untersucht und das Kiemengewebe am CVUA Stuttgart im Direktausstrich parasitologisch sowie histologisch untersucht. Kiemengewebe wurde zusätzlich zur weiteren Untersuchung am Institut für Parasitologie der Akademie der Wissenschaften in Budweis entnommen. Dort wurden die Amöben angezüchtet und  molekularbiologisch untersucht.

Die Untersuchungen erbrachten dabei den Nachweis von 9 unterschiedlichen Amöbenstämmen aus 5 Betrieben. Diese konnten in unterschiedlicher Häufung in den Betrieben den Amöben-Gattungen Vannella, Acanthamoeba, Hartmannella, Proacanthamoeba und Naegleria zugeordnet werden. In-Situ-Hybridisierungen ergaben zusätzlich den Nachweis von Amöben der Gattung Naegleria in proliferiertem Kiemengewebe.

 

Symptomatik und Diagnose von durch Amöben hervorgerufene Kiemenschwellung

Amöben verursachen im Süßwasser bei Besiedelung der Kiemen eine hochgradige Kiemenschwellung, welche zu einer erheblichen Atemnot der Fische führt (Bauer et al., 2010). Die Fische stehen am Einlauf, zeigen vermehrte Kiemenatmung und stark abgespreizte Kiemen. Sie sind lethargisch und verweigern die Futteraufnahme und bei fortgeschrittener Erkrankung kann es zu erheblichen Ausfällen kommen.

Pathologisch-anatomisch beobachtet man dabei stark verschleimte Kiemen mit verklebten Kiemenlamellen. Die Kiemen sind z.T. streifig aufgehellt und an den Kiemenlamellen-Spitzen kommt es zu knötchenförmigen Auftreibungen (Ferguson, 2006) (s. Abb. 1 und 2).

 

Abb. 1 - 2

Abb. 1 (links):  Regenbogenforellen mit Kiemenschwellung, streifige Aufhellung

Abb. 2 (rechts):  Regenbogenforelle mit Kiemenschellung und keulenförmiger Auftreibung der Lamellenspitzen

 

Die Verdachtsdiagnose kann bereits vor Ort durch den direkten mikroskopischen Nachweis von Amöben im Abklatschpräparat bestätigt werden (Abb. 3). Bei der histologischen Untersuchung sieht man hochgradig proliferierte Sekundärlamellenepithelien, insbesondere an den Lamellenspitzen mit Verwachsung der Kiemenlamellen und entzündlichen Infiltraten (Abb. 4 und 5). Die Amöben liegen dabei einzeln oder in Gruppen in Zysten im Epithel oder als z.T. mehrlagige Schicht auf dem Epithel.

 

Abb. 3 -5

Abb. 3 (links): Kiemenabstrich, nativ, Phasenkontrast, 400x, Amöben

Abb. 4 (mitte): Histologischer Schnitt, HE, 50x Kieme, Sekundärlamellenepithel-Proliferationen und - Fusionen

Abb. 5 (rechts): Histologischer Schnitt, Giemsa, 200x, Amöben (lila) auf Kiemenepithel

 

Schlussfolgerungen

Bei der Amöbenkrankheit der Regenbogenforellen handelt es sich um eine ernst zu nehmende, mit Verlustgeschehen einhergehende Erkrankung, die in der Fischwirtschaft zunehmend an Bedeutung gewinnt.
Die Diagnose einer durch Amöben hervorgerufenen Kiemenschwellung erfolgt durch den parasitologisch-mikroskopischen Nachweis von Amöben im Abstrich, in Kombination mit der klinischen Symptomatik und der pathologisch-anatomischen und histologischen Diagnose.
Da die Amöben jedoch überall in der Umwelt anzutreffen sind, genügt der alleinige mikroskopische Nachweis einzelner Amöben ohne Symptomatik nicht für die Diagnosestellung.

Auch im Süßwasser konnten pathogene Arten nachgewiesen werden, wie durch die Untersuchungen in Baden-Württemberg gezeigt wurde.
Bezüglich der Entstehung der Erkrankung wird angenommen, dass eine Vorschädigung der Kiemen (z.B. durch Bakterien) einer Amöbeninfektion den Weg bahnt (Dykovà et al., 2010).

 

Literatur:

  • Bauer, W.h., Bräuer, G., Rapp, J. (2010). Nutzfische und Krebse, Lebensraum, Erkrankungen und Therapie, (3. Aufl.), Enke Verlag, Stuttgart, S. 102f.
  • Daoust P.Y., Ferguson H.W. (1985). Nodular gill disease: a unique form of proliferative gill disease in rainbow trout, Salmo gairdneri Richardson. J. Fish Dis. 8: 511–522.
  • DYKOVÀ I.,  Kostka M., Wortberg F., Nardy E., Pecková H. (2010). New Data on aetiology of Nodular Gill Disease in rainbow trout, Oncorhynchus mykiss. Folia Parasitol. 57(3): 157-163.
  • DYKOVÁ I., LOM J. (2004). Advances in knowledge of amphizoic amoebae infecting fish. Folia Parasitol. 51: 81-97.
  • Ferguson H.W. (2006). Systemic Pathology of Fish: A Text and Atlas of Normal Tissues in Teleosts and their Responses in Disease. (2nd ed), Scotian Press, London, UK, 368 pp.
  • Sawyer T.K., Hnath J.G., Conrad J.F. (1974). Thecamoeba hoffmani sp. n. (Amoebida: Thecamoebidae) from gills of fingerling salmonid fish. J. Parasitol. 60: 677-682.

 

Bildernachweis

CVUA Stuttgart.

 

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Bericht erschienen am 19.07.2011 14:53:06