Rohmilchkonsum führt zu schwerer Erkrankung eines 76-Jährigen

Ein Bericht aus unserem Laboralltag

Dr. Helene Oberreuter

 

Schmuckelement.
Archivbild, Foto: S. Hermann & F. Richter/Pixabay, CC0 Public Domain.

„Rohmilch: Vor dem Verzehr abkochen!“ Dieser gesetzlich vorgeschriebene Hinweis an der Milchtankstelle war von einem 76-jährigen Mann nicht beachtet worden. In der Folge erkrankte er an der mit EHEC-Bakterien kontaminierten Milch. Durch ein kurzes Aufkochen auf dem heimischen Herd wäre die Erkrankung vermeidbar gewesen, da diese Krankheitserreger beim Abkochen abgetötet werden.

 

Nach eigenen Angaben litt der Rentner zwei Tage nach dem Verzehr von nicht-abgekochter Rohmilch an Durchfall. Im Krankenhaus wurden Verotoxin-bildende Escherichia-coli-Bakterien (VTEC) und auch krankheitserregende Campylobacter-Keime im Stuhl des Seniors nachgewiesen. Die Rohmilch hatte er aus einem Milchautomaten gezapft und ohne vorherige Erhitzung getrunken.

 

 

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Enterorrhämoragische Escherichia coli (EHEC)

Im Darm von Menschen mit einer gesunden Darmflora befinden sich große Mengen an gutartigen Escherichia coli Bakterien, die zusammen mit zahlreichen anderen Keimen helfen, den Nahrungsbrei für die Verwertung durch den menschlichen Organismus aufzubereiten. EHEC-Bakterien sind dagegen in der Lage, Toxine herzustellen, die die Zellen der Darmwand schädigen, woraufhin es bei infizierten Personen zu starken, z. T. blutigen Durchfällen kommt. Zu weiteren Komplikationen zählt beispielsweise das hämolytisch-urämische Syndrom (HUS) mit akutem Nierenversagen, das intensivmedizinisch behandelt werden muss und eine langfristige Dialyse bei Betroffenen oder gar deren Tod zur Folge haben kann.

 

Untersuchungsergebnisse und Schlussfolgerung

Aus einer Probe „Rohmilch“ von der im Verdacht stehenden Milchtankstelle wurden am CVUA Stuttgart ebenfalls Verotoxin-bildende Escherichia coli-Bakterien (VTEC) isoliert. Diese Keime sind grundsätzlich als potenzielle Enterohämorrhagische Escherichia coli-Bakterien (EHEC) anzusehen. Zusammen mit dem aus der Stuhlprobe des Erkrankten isolierten EHEC-Keim (freundliche Übersendung durch das Landesgesundheitsamt Stuttgart) wurden vergleichende Untersuchungen per Infrarotspektroskopie am CVUA Stuttgart sowie molekularbiologische Untersuchungen durch das Robert-Koch-Institut (RKI) sowie das Nationale Referenzlabor für E. coli am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) durchgeführt.

 

Die am CVUA Stuttgart durchgeführte Untersuchung der Infrarotspektren zeigte die Ähnlichkeiten zwischen den beiden isolierten Keimen: Im Spektrenbaum zahlreicher EHEC/VTEC-Isolate gruppierten die Spektren sowohl des Tankmilchisolates als auch des Isolates aus der Stuhlprobe des Erkrankten in nächster Nähe in denselben Ast (Abb. 1).

 

Abb. 1: Dendrogramm der Infrarotspektren einiger EHEC/VTEC-Keime unterschiedlicher Herkunft.

Abb. 1: Dendrogramm der Infrarotspektren einiger EHEC/VTEC-Keime unterschiedlicher Herkunft. Die Spektren der Keime, die in diesem Erkrankungszusammenhang aus der Rohmilch und der Stuhlprobe des Patienten isoliert wurden, befinden sich in nächster Nähe in demselben Unterast des Ähnlichkeitsbaumes.

 

Dieser Befund wurde durch die Ergebnisse von BfR und RKI der vergleichenden DNA-Sequenzanalyse mittels cgMLST bestätigt: Wie das Landesgesundheitsamt mitteilte, zeigten sie die Identität beider Isolate. Die Bestimmung des Serotyps ergab für beide Isolate O127:H12.

 

Damit bestätigten alle Untersuchungsergebnisse die Identität beider Isolate, so dass von einer Infektkette ausgegangen werden kann, d.h., dass die in der Rohmilch nachgewiesenen EHEC-Keime tatsächlich den Durchfall des Seniors verursacht hatten.

 

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Rohmilch birgt möglicherweise Krankheitserreger

Bei Verbrauchern werden Rohmilchautomaten immer beliebter: Dort steht die frische Milch rund um die Uhr direkt beim Produzenten gekühlt zur Verfügung und kann vom Kunden selbstständig in bereitgestellte oder mitgebrachte Gefäße abgefüllt werden. Nach den gesetzlichen Regelungen darf Rohmilch zwar unerhitzt an die Verbraucher abgegeben werden, es muss sich an der Abgabestelle aber aus gutem Grund der vorgeschriebene Hinweis: „Rohmilch, vor dem Verzehr abkochen“ befinden. Bisweilen wecken die von einzelnen Landwirten darüber hinaus bereitgestellten Informationen an der Abgabestelle allerdings den Eindruck, als handele es sich bei roh getrunkener Milch um ein höherwertiges Lebensmittel als bei zuvor abgekochter Milch, und immer wieder entscheiden sich Verbraucher mit ihren Familien dafür, die Milch tatsächlich roh zu verzehren. Am CVUA Stuttgart werden aber immer wieder bakterielle Krankheitserreger aus Rohmilch isoliert. Dazu zählen nicht nur EHEC-Bakterien wie im dargestellten Fall, sondern auch Listeria monocytogenes, Campylobacter, Bacillus cereus etc. [1,2]. Alle diese Krankheitskeime können durch ein kurzes Aufkochen der Milch auf dem heimischen Herd zuverlässig unschädlich gemacht werden.

 

Quellen

[1] Krankmachenden Lebensmitteln auf der Spur; Jahresbilanz der Abteilungen für Lebensmittelmikrobiologie der Untersuchungsämter 2018.

[2] Managementbericht des CVUA Stuttgart 2018

 

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Bericht erschienen am 10.02.2020 08:09:30