Der Lebensbaum, ein giftiger Exot

Lebensbäume.Aus aktuellem Anlass möchte Ihnen das Labor Pathologie des CVUA Stuttgart Fälle einer tödlich verlaufenen Lebensbaumvergiftung in einer Schafherde vorstellen.

In einer kleinen, nichtkommerziellen Schafhaltung sind zwei Tiere nach Aufnahme von Blättern eines Lebensbaumes an einer starken Entzündung von Labmagen und Darm sowie an einem nässenden, stellenweise verschorfenden Hautausschlag mit Haarverlust verendet. Diese beiden Tiere waren durch einen Magen-Darm-Parasitenbefall stark geschwächt und daher körperlich nicht in der Lage, die Pflanzenvergiftung in der aufgetretenen Intensität zu überstehen.

Der Lebensbaum zählt zu den immergrünen Zypressengewächsen. In Deutschland ist am häufigsten der abendländische Lebensbaum (Thuja occidentalis) anzutreffen. Ursprünglich stammt dieses Gewächs aus dem östlichen Nordamerika, wurde jedoch in Deutschland zur Bildung immergrüner Hecken eingeführt. Häufig ist er in Parkanlagen, Gärten und Friedhöfen zu finden.

Es handelt sich um einen bis zu 20 m hohen Baum mit wagerecht verzweigten Ästen. Die Zweige sind an der Oberseite dunkelgrün und unterseitig hellgrün gefärbt. Die Blätter stellen sich schuppenförmig dar. Der abendländische Lebensbaum trägt längliche Zapfen von einer Länge von 8-12 mm.

Weniger häufig als der abendländische Lebensbaum ist der ebenfalls aus Nordamerika stammende Riesenlebensbaum (Thuja plicata) und der morgenländische Lebensbaum (Thuja orientalis) anzutreffen.

Wichtigster im Lebensbaum enthaltener Giftstoff ist das Thujol bzw. Thujon (Synonym: Absynthon). Hierbei handelt es sich um ein wasserunlösliches Monoterpen, welches im Lebensbaum in zwei Formen gebildet wird (alpha-Thujon und beta-Thujon). Als Reinsubstanz stellt sich Thujol als farblose Flüssigkeit dar und wirkt auf den Körper als starkes psychoaktives, Rauschzustände auslösendes Nervengift. Neben den Lebensbaumarten wird Thujol z.B. auch im Wermut (Artemisia absinthium) und dem Rainfarn (Chrysanthemum vulgare) gebildet.

Wegen seiner psychoaktiven Wirkung wird Thujol als Extrakt aus der Wermutpflanze heute noch dem alkoholhaltigen, 1908 in Frankreich erstmals kommerziell hergestellten Getränk Absynth beigefügt. Heute allerdings in weit niedrigeren, kaum mehr auf das Nervensystem wirkenden Konzentrationen als noch bis in die 20er Jahren des 20. Jahrhunderts hinein. Damals galt Absynth noch als Droge der höheren Gesellschaftsklassen und wurde auch von Prominenten wie z.B. den berühmten Schriftstellern Ernest Hemingway und Oscar Wilde sowie den bedeutenden Malern Vincent Van Gogh und Henry Toulouse-Lautrec konsumiert. In Deutschland wurde die Herstellung und der Konsum von Absynth in seiner ursprünglichen Stärke im Jahre 1923 per Gesetz verboten.

Neben dem Thujol sind in den Lebensbaumarten noch ätherische Öle sowie Kampfer und andere Terpene als potentiell schädigende Stoffe enthalten. Die ätherischen Öle entfalten auf den Körper hauptsächlich über eine Gewebereizung eine entzündungserregende Wirkung.

Großaufnahme der Zweige und Zapfen des abendländichen Lebensbaums.Die Giftstoffe finden sich beim abendländischen Lebensbaum in Zweigspitzen, Blättern und Zapfen sowie auch im Holz. Beim Menschen sind allein beim bloßen Hautkontakt mit dem Holz Hautreizungen mit nachfolgender Ekzembildung bekannt. Nach dem Verzehr von Pflanzenteilen des Lebensbaumes kommt es beim Menschen zu Übelkeit mit Erbrechen, Durchfällen mit starken Bauchschmerzen, spontanen Blutungen an Schleimhäuten und Organen, Krämpfen, erhöhtem Blutdruck, erhöhter Herzfrequenz, Fieber, Atemnot, verdickten Armen und Beinen sowie zur Gelbsucht. Ferner ist bei Patienten mit Thujonvergiftung ein frequenter Harnabsatz mit erhöhten Harnmengen zu beobachten. Bei sehr hoher Dosierung kann es auch zu Lähmungen bis hin zum Koma und zum Eintreten des Todes kommen.

Bei der Sektion von an Lebensbaumvergiftung verstorbenen Patienten imponieren vor allem starke Leber- und Nierenschäden mit einer allgemeinen Gelbsucht, starke Wasseransammlungen in den Gliedmaßen sowie in der Lunge sowie Entzündungserscheinungen in Lunge, Bronchien, Magen und dem gesamten Darmtrakt. Der Tod tritt bei diesen Patienten durch eine Lähmung des Atemzentrums und des Herz-Kreislauf-Zentrums im Zentralnervensystem ein.

Kleinkinder sollten daher nicht ohne Aufsicht Zugang zu Lebensbäumen haben. Ältere Kinder sind unbedingt über die mögliche Vergiftungsgefahr aufzuklären.

Vergiftungen nach Aufnahme von Pflanzenmaterial des Lebensbaumes sind auch bei pflanzenfressenden Nutztieren bekannt. Besonders empfindlich für Vergiftungserscheinungen ist das Pferd, da diese Spezies die aufgenommenen Giftstoffe offensichtlich nur unzureichend bzw. sehr langsam in der Leber zu verstoffwechseln vermag. Auch hier sind die vornehmlichen Symptome der Vergiftung Krämpfe am ganzen Körper mit Lähmung und Atemstillstand in der Endphase, starke Durchfälle, Gelbsucht und stark vermehrter Harndrang. Bei der pathologisch-anatomischen Untersuchung stehen auch bei den Nutztieren Leber- und Nierenschäden sowie starke Entzündungen im Magen-Darm-Trakt im Vordergrund.

Bei der Weidehaltung von pflanzenfressenden Haus- und Nutztieren sollte auf jeden Fall sicher gestellt sein, dass in der Nähe befindliche Lebensbäume nicht durch die Tiere zu erreichen sind. Gleiches gilt für die Freilandhaltung von Heimtieren wie Meerschweinchen oder Kaninchen, bei denen ebenfalls bei Zugang zu Lebensbäumen die Gefahr einer Aufnahme von Pflanzenmaterial mit anschließenden Vergiftungserscheinungen mit im schlimmsten Falle Todesfolge besteht.

Wie bereits erwähnt, waren die verendeten Tiere unseres aktuellen Falles durch einen starken Magen-Darm-Parasitenbefall vorgeschwächt. Dies macht deutlich, wie wichtig eine regelmäßige tierärztliche Gesundheitsprophylaxe auch in kleinen Nutz- und Haustierbeständen ist, um eine optimale körperliche Verfassung der Tiere zu gewährleisten. Ohne die parasitäre Vorschädigung hätten die beiden verendeten Schafe vielleicht eine Chance gehabt, die Vergiftung zu überstehen.

 

Artikel erstmals erschienen am 05.09.2005