Das neue Shamonda-like-Virus bei einem Pferd mit zentralnervösen Störungen nachgewiesen
Dr. Dora Lengyel
Fallbericht Veterinärmedizin
Ein bislang wenig bekanntes Virus sorgt für einen ungewöhnlichen Fall: Bei einem Pferd aus dem Landkreis Ludwigsburg mit plötzlich auftretendem Fieber und schweren neurologischen Störungen wurde das Shamonda-like-Virus nachgewiesen. Die Untersuchungen am CVUA Stuttgart zeigen deutliche Veränderungen im Zentralnervensystem und eine hohe Viruslast in Gehirn und Rückenmark.
Einleitung
Anfang August 2026 wies das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) erstmals ein bislang nicht bekanntes Orthobunyavirus der Simbu-Serogruppe bei erkrankten Rindern aus Baden-Württemberg nach. Aufgrund der Verwandtschaft zu dem in Afrika und Asien bekannten Shamonda-Virus wurde das Virus als Shamonda-like-Virus bzw. Shamonda-Virus (SHAV) bezeichnet. Zu den ebenfalls zur Simbu-Serogruppe gehörenden Orthobunyaviren zählt auch das bereits in Europa seit 2011 verbreitete Schmallenbergvirus.
Das Shamonda-Virus wird – ähnlich wie das Schmallenbergvirus – durch kleine, blutsaugende Gnitzen der Gattung Culicoides übertragen und gehört somit in die Gruppe der Arboviren. Das Virus vermehrt sich im Blut (Virämie) und wird beim erneuten Stich durch Gnitzen weiter übertragen.
Mittlerweile sind auch Infektionen bei weiteren Tierarten, wie Schafen, Ziegen, Alpakas, Wildwiederkäuern und Pferden bekannt.

Abbildung 1: Pferd
Vorbericht, pathologisch-anatomischer und histologischer Befund
Ein zuvor gesundes Pferd aus dem Landkreis Ludwigsburg bekam plötzlich hohes Fieber und zentralnervöse Störungen. Es zeigte Zähneknirschen, Hinterhandschwäche sowie Gleichgewichts- und Koordinationsstörungen mit anschließenden unwillkürlichen Augenbewegungen und Festliegen. Aufgrund der rasch fortschreitenden neurologischen Symptomatik und der schlechten Prognose wurde das Tier durch den behandelnden Tierarzt euthanasiert und zur pathologischen Untersuchung an das CVUA Stuttgart gebracht.
Bei der Sektion fielen am Gehirn, insbesondere im Bereich des Großhirns, deutlich getrübte und ödematisierte Meningen sowie eine diffuse Hyperämie auf. Zudem konnten im Rückenmark bereits makroskopisch hochgradige Blutungen und Aufweichungen festgestellt werden.
Histologisch zeigten sich im gesamten untersuchten Zentralnervensystem ausgeprägte entzündlich-degenerative Veränderungen im Sinne einer nicht-eitrigen Enzephalomyelitis mit schwammartigen Auflockerungen des Gehirns sowie neuronalen Degenerationen. In mehreren Abschnitten des Rückenmarks konnten zudem die bereits makroskopisch erkennbaren Blutungen mit Nekrosen, insbesondere im Bereich der grauen Substanz, festgestellt werden.

Abbildung 2: Histologisches Bild des Rückenmarks mit Blutungen in den Dorsalhörnern (Übersichtsdarstellung, Hämatoxylin-Eosin-Färbung)

Abbildung 3: Histologisches Bild des Stammhirns, lymphohistiozytäre perivaskuläre Enzephalitis (30x und 200x Vergrößerung, Hämatoxylin-Eosin-Färbung)
Molekularbiologische Diagnostik
Mittels PCR konnten die folgenden, aus differentialdiagnostischer Sicht relevanten Virusinfektionen wie das Borna Disease Virus (BoDV-1), das West-Nil-Virus (WNV), die equinen Herpesviren 1 und 4 (EHV 1+4) sowie die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) ausgeschlossen werden. Die PCR-Untersuchung auf das Shamonda-like-Virus verlief jedoch hochgradig positiv. Das Ergebnis sprach für eine sehr hohe Viruslast im Gehirn und im Rückenmark, die in Verbindung mit den ausgeprägten Veränderungen im Zentralnervensystem für einen kausalen Zusammenhang spricht. Die beobachteten Symptome entstehen wahrscheinlich aus Störungen der normalen Gehirnphysiologie infolge der Virusvermehrung und Entzündung. Der genaue Pathomechanismus muss noch weiter erforscht werden.
Es wurde keine weitere Sequenzierung des Virus vorgenommen, aufgrund voraussichtlichen Infektionsortes und Infektionszeitpunkt kann von der Variante Europa 1 (SHAV-EU1) ausgegangen werden. Aus dem Blut gelang der Virusnachweis nicht, was auf eine bereits abgeklungene bzw. nur kurze Virämie bei dieser Infektion hindeutet.

Abbildung 4: Real-Time qPCR-Amplifikationskurven bei dem Pferd, verwendete PCR: RT-qPCR-Sathu-N-Mix3.1 (nach Tauscher et al. 2017, modifiziert durch FLI, B. Hoffmann, 2026). Der Test weist verschiedene Simbuviren nach und ist zum Nachweis von Shamonda-like-Virus geeignet.
Unser Fazit
Der vorliegende Fall zeigt, dass eine Infektion mit dem neu in Mitteleuropa nachgewiesenen Shamonda-like-Virus auch bei Pferden mit schweren zentralnervösen Störungen einhergehen kann. Nach bisherigem Kenntnisstand sind nur einzelne Tiere von den zentralnervösen Störungen betroffen. Aufgrund der noch nicht vorhandenen Immunität in der Pferdepopulation muss mit einer weiteren Verbreitung des Virus in Deutschland gerechnet werden. Bei Pferden mit akut auftretendem Fieber und neurologischen Symptomen sollte daher neben den bisher bekannten Krankheitsursachen auch eine Infektion mit dem Shamonda-like-Virus berücksichtigt werden.
Bildnachweis
- Abbildung 1: Sandra Wild (CVUA Stuttgart)
- Abbildung 2 und 3: Dr. Dora Lengyel (CVUA Stuttgart); dargestellt mit Hamamatsu NanoZoomer S60v2 und NDP.view2 (gefördert vom MLR)
- Abbildung 4: Dr. Daniel Nobach (CVUA Stuttgart)
Quellenverzeichnis
- Friedrich-Loeffler-institut, zuletzt abgerufen am 23.09.2026
- Spezielle Pathologie für die Tiermedizin. Baumgärtner W, Gruber A, Hrsg. 2., aktualisierte Auflage. Stuttgart: Thieme; 2020. doi:10.1055/b-006-166360
- Allgemeine Pathologie für die Tiermedizin. Baumgärtner W, Gruber A, Hrsg. 3., aktualisierte Auflage. Stuttgart: Thieme; 2020. doi:10.1055/b-006-166359
- Pathohistologie für die Tiermedizin. Baumgärtner W, Hrsg. 2. Auflage. Stuttgart: Enke Verlag; 2012. doi:10.1055/b-004-129948
- Maxie, M. G. (Hrsg.). (2016). Jubb, Kennedy & Palmer’s pathology of domestic animals (6. Aufl., Bd. 1). Elsevier.