Pseudotuberkulose- (Corynebacterium pseudotuberculosis) Infektionen bei Alpakas im Fokus

Ein Bericht aus unserem Laboralltag

Dr. Reinhard Sting, Dr. Jörg Rau, Dr. Birgitta Polley, Dr. Lisa Schneider-Bühl (CVUA Stuttgart), Dr. Wolfram Rietschel (Tierärztliches Zentrum für Pferde in Kirchheim Altano GmbH)

 

Die Anzahl der mit Corynebacterium pseudotuberculosis, dem Erreger der Pseudotuberkulose infizierter Alpakas nimmt zu. Dies ist besorgniserregend, da es gegen diese Infektionskrankheit derzeit keine sicheren Therapie- oder Prophylaxe-Maßnahmen gibt. Die gezielte Bekämpfung der Pseudotuberkulose ist deshalb wichtig. Der Erhebung des Infektionsstatus von Herden durch gezielte, regelmäßige Untersuchungen kommt beim Kauf und der Aufnahme fremder Tiere in einen Bestand besondere Bedeutung zu.

Die Bekämpfung der Pseudotuberkulose ist ein wichtiger Beitrag zur Tiergesundheit und Stärkung des Tierwohls.

 

Pseudotuberkulose, eine Gefahr für die Gesundheit von Alpakas

Aktuell weisen wir in unserem DVG-Konsilialabor für Corynebacterium pseudotuberculosis zunehmend Pseudotuberkulose bei Alpakas nach. So konnten wir im Jahr 2020 erstmals Corynebacterium (C.) pseudotuberculosis, den Erreger der Pseudotuberkulose, aus Abszessmaterial in zahlreichen Fällen anzüchten. Serologische Untersuchungen mittels ELISA ergaben bei einem hohen Anteil von 26,7 % (148 von 555 Alpakas) der von Januar 2020 bis Juni 2022 untersuchten Tiere positive Ergebnisse.

 

Dies ist sicherlich auch auf die Zunahme gehaltener Alpakas in ganz Deutschland und besonders in Baden-Württemberg zurückzuführen [1, 2, 3]. Der Anstieg der Tierzahlen führt zu vermehrtem Austausch und somit Kontakt von Tieren unterschiedlicher Herkunft durch Zu- und Verkauf oder zeitweise Aufnahme fremder Tiere in Herden für Zuchtzecke (Deckeinsatz). Dies bleibt allerdings nicht selten ohne Folgen für die Gesundheit der Tiere. Die Pseudotuberkulose wird auf diese Weise in Herden eingeschleppt und verbreitet. Infizierte Alpakas weisen in der Regel nach einem bis zwei Monaten Abszesse auf [4]. Die Pseudotuberkulose ist somit mittlerweile in Alpaka-Herden leider keine Seltenheit mehr, wie eine aktuelle Studie aus unserem Hause zeigt [4].

 

Die Pseudotuberkulose

Bei der Pseudotuberkulose handelt es sich um eine schwerwiegende, derzeit nicht heilbare Infektionskrankheit vor allem bei Ziegen, Schafen und Kameliden. Die Pseudotuberkulose ist bei Kameliden (Neuweltkameliden wie Alpakas und Lamas sowie den Altweltkameliden Trampeltier und Dromedar) weltweit verbreitet und stellt eine erhebliche Gesundheitsgefahr für diese Tiere dar. Symptome der Pseudotuberkulose sind äußerlich sichtbare Abszesse in Haut und Lymphknoten, aber auch Abszesse in inneren Organen wie Niere, Lunge, Leber und Milz, die erst bei Sektionen toter Tiere erkannt werden. Übertragen wird das Bakterium C. pseudotuberculosis überwiegend durch direkten Kontakt erregerausscheidender Tiere vor allem über Abszessinhalt und Milch oder indirekt über kontaminierte Einrichtungen und Gerätschaften oder Zecken. Infektionen finden durch Inhalation, über den Verdauungstrakt und über Wunden statt, wobei der Erreger über Schleimhäute und Wunden in den Körper eindringen kann. Die größte Gefahr bei der Verbreitung von C. pseudotuberculosis stellt das Freisetzen des Erregers aus Abszessen und anschließende Infektionen über Wunden und Schleimhäute dar.

 

Fotos: Abszess (eröffnet) unter dem linken Auge am Oberkiefer (li.) und in der Haut (re.) bei einem nachweislich mit C. pseudotuberculosis infizierten Alpaka (Erregernachweis, Serologie) (Quelle: Dr. Wolfram Rietschel).

Abszess (eröffnet) unter dem linken Auge am Oberkiefer (li.) und in der Haut (re.) bei einem nachweislich mit C. pseudotuberculosis infizierten Alpaka (Erregernachweis, Serologie) (Quelle: Dr. Wolfram Rietschel)

 

Fotos: Abszesse in der Milz (li.) und der Leber (re.).

Abszesse in der Milz (li.) und der Leber (re.)

 

Die sichere Diagnose der Pseudotuberkulose erfolgt über den kulturellen oder molekularbiologischen (PCR) Nachweis von C. pseudotuberculosis. Serologische Untersuchungen (Nachweis von Antikörpern im Blut) werden vor allem für Untersuchungen ganzer Herden eingesetzt. Zum Einsatz kommen hierbei die ELISA- und die Immunoblot-Technik. Vorteil serologischer Untersuchungen ist der Nachweis von Infektionen mit C. pseudotuberculosis auch bei Tieren ohne klinische Symptome. Serologische Untersuchungen dienen der Herdendiagnostik und haben deshalb bei Bekämpfungsprogrammen für die Erhebung des Status einer Herde besondere Bedeutung. Aufgrund des hohen Aufwandes der Immunoblot-Technik bleibt diese spezifische und sensitive Methode speziellen Untersuchungen vorbehalten (Abklärungsuntersuchen bei unklaren Ergebnissen im ELISA, nicht negative ELISA-Ergebnisse in Pseudotuberkulose-unverdächtigen Herden u. a.).

 

Besonders wichtig sind bakteriologische Untersuchungen von Abszessen, weil bei Kameliden auch andere Bakterien der Gattungen Actinomyces, Staphylococcus, Streptococcus, Trueperella, Schaalia, oder sog. Anaerobier (Fusobacterium, Bacteroides, Prevotella) u. a. Keime als Ursache von Abszessen in Frage kommen, die durch geeignete Therapien heilbar sind [5]. Deshalb kommt der exakten Bestimmung der Bakterien besondere Bedeutung zu, die wir mit Hilfe von MALDI-TOF MS (Matrix Assisted Laser Desorption Ionization – Time of Flight Mass Spectrometry) und FT-IR (Fourier-Transform-Infrarot) Analysen durchführen [4, 6].

 

Alle genannten Untersuchungen werden in unserem DVG-Konsilialabor für Corynebacterium pseudotuberculosis durchgeführt.

 

Diagnostik von C. pseudotuberculosis

Der Nachweis von C. pseudotuberculosis erfolgt durch die Anzucht des Erregers aus Abszessmaterial auf Blut-haltigen Nährmedien (z. B. Schafblutagar) und/oder mittels PCR (direkter Erregernachweis). Der Nachweis spezifischer Antikörper gegen C. pseudotuberculosis (indirekter, serologischer Nachweis) ist mittes ELISA und/oder Immunoblot möglich.

 

Foto: Nachweis von C. pseudotuberculosis durch Kultivierung auf Blutagarplatte (Abszess Milz, Alpaka).

Nachweis von C. pseudotuberculosis durch Kultivierung auf Blutagarplatte (Abszess Milz, Alpaka)

 

Grafik: Molekularbiologischer Nachweis von C. pseudotuberculosis mittels Real-Time PCR.

Molekularbiologischer Nachweis von C. pseudotuberculosis mittels Real-Time PCR

 

Abbildung zweier Messgeräte zur Identifizierung und Charakterisierung von C. pseudotuberculosis mittels MALDI-TOF MS (li.) und FT-IR (re.).

Identifizierung und Charakterisierung von C. pseudotuberculosis mittels MALDI-TOF MS (li.) und FT-IR (re.)

 

Fotos: Nachweis von Antikörpern gegen C. pseudotuberculosis mittels ELISA (li.) und Immunblot (re.) (serologische Untersuchungen).

Nachweis von Antikörpern gegen C. pseudotuberculosis mittels ELISA (li.) und Immunblot (re.) (serologische Untersuchungen)

 

Bekämpfung der Pseudotuberkulose

Zur Bekämpfung der Pseudotuberkulose wurde für Ziegen im Jahr 2016 ein Programm auf der Grundlage der Richtlinie des Ziegenzuchtverbandes Baden-Württemberg gestartet [7]. Der Erfolg von Bekämpfungsprogrammen beruht auf Hygiene- und Biosicherheitsmaßnahmen sowie klinischen, bakteriologischen und serologischen Untersuchungen von Herden. Dadurch ist es möglich, den Status einer Herde zu erheben und gezielte Maßnahmen zu ergreifen.

 

Wichtig ist Prophylaxe beim Scheren, da beim Scheren kleine Hautwunden entstehen könne und somit Infektionen über die Schermaschine übertragen werden können.

Es gelten deshalb folgende Empfehlungen [8]:

  • Desinfektion der Schermaschine/des Scherblatts nach jedem Tier und Bestand
  • Kochen in Wasser mit oder ohne Zusatz von Soda (0,5 %–2 %) für 15 Sekunden reichen (Keimreduktion um log 6–8; Cave: Desinfektion mit 60 % Isopropanol und 1 % Handelspräparate auf quartärer Ammoniumbasis für 60 s reichen zur Desinfektion nicht aus; Keimreduktion < log 4)
  • Tuberkulozide Desinfektionsmittel Sauerstoffabspalter (s. DVG-Liste)

Das sind grundlegende Voraussetzungen zur Vermeidung der Verbreitung und Einschleppung von C. pseudotuberculosis in Herden. Auch bei Kameliden konnten umfangreiche Untersuchungen in mehreren Alpakaherden zeigen, dass eine zuverlässige Erfassung von Pseudotuberkulose-Infektionen durch klinische, bakteriologische und serologische Untersuchungen möglich ist.

 

Impfungen gegen Pseudotuberkulose als Prophylaxe oder Behandlung garantieren keinen sicheren Erfolg. Außerdem sind bei Impfungen die vielfach starken Nebenwirkungen wie Schwellungen und Bildung von Abszessen an der Injektionsstelle zu bedenken. Geimpfte Tiere sind zudem serologisch nicht von infizierten Tieren zu unterscheiden.

 

Infokasten

Corynebacterium pseudotuberculosis

C. pseudotuberculosis ist ein gram-positives Bakterium, das nahe mit den Mykobakterien verwandt ist, denen auch die Erreger der Tuberkulose zugeordnet werden. Charakterisiert sind Infektionen mit diesem Bakterium besonders bei Ziegen und Schafen, aber auch bei Kameliden. Bei der durch C. pseudotuberculosis hervorgerufenen Pseudotuberkulose handelt es sich um ein chronisches, schleichendes Geschehen mit eitrigen Entzündungen und Bildungen von Abszessen insbesondere in Lymphknoten (käsige Lymphadenitis, Lymphadenitis caseosa) aber auch inneren Organen. Da Behandlungen sehr schwierig sind, führen nur mehrjährige Bekämpfungsprogramme zum Erfolg.

 

Schlussfolgerungen

Die Pseudotuberkulose bei Kameliden in Angriff zu nehmen, verhindert auf lange Sicht Infektionen und Leiden dieser Tiere. Grundsätze zur Bekämpfung und Schutz vor Infektionen mit Pseudotuberkulose sollten in einem Bekämpfungsprogramm festlegt festgelegt werden. Die Ermittlung des Status von Herden ist hierbei der erste Schritt. Kontakte von Alpakas mit anderen Kameliden, Ziegen oder Schafen sollten auf Tiere aus Beständen mit gleichem Status beschränkt sein.

 

Als Vorlage für ein einheitliches Bekämpfungs- und Überwachungsprogramm können die Vorgaben „Mindestanforderungen an Pseudotuberkulose-Überwachungsprogramme (zur gegenseitigen bundesweiten Anerkennung)“ (DVG, 2021)“ [9] dienen, die sich bei der Bekämpfung der Pseudotuberkulose in Ziegenbeständen bereits bewährt haben.

 

Ausblick

Für eine erfolgreiche Arbeit als Konsiliarlabor für Corynebacterium pseudotuberculosis sind wir auf Zusammenarbeit angewiesen. Uns ist daher der Dialog mit praktizierenden Tierärzten, Untersuchungslaboren, Tiergesundheitsdiensten, Veterinärämtern und Tierhaltern sehr wichtig. Die Einsendung von Blutproben, von CPS-Isolaten und ungewöhnlichen Bakterienisolaten für Abklärungsuntersuchungen ist uns daher sehr willkommen. Besonders wertvoll sind Abszessmaterial und Serumproben desselben Tieres. Dankbar sind wir auch für Zusendungen von CPS-Isolaten und Seren für den weiteren Ausbau unserer Isolate- und Serumsammlung.

 

Bei Fragen können Sie sich gerne an uns wenden.

 

Bildernachweis

CVUA Stuttgart

Dr. Wolfram Rietschel

 

Quellen

[1] Klemm R, Wehlitz R, 2019. Alpakas und Lamas. Sächsisches Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie: Alpakas und Lamas – Nutztiere in Sachsen.

 

[2] Neubert S, von Altrock A, Wendt M, Wagener MG (2021). Llama and alpaca management in Germany ‒ Results of an online survey among owners on farm structure, health problems and self-reflection. Animals 11(1), 102. DOI: 10.3390/ani11010102.

 

[3] Wagner H, Leisen A, Ulrich L, Wehrend A, 2022. Eine Umfrage unter Tierärzten zu Neuweltkameliden in Deutschland. Amtstierärztlicher Dienst und Lebensmittelkontrollen im öffentlichen Dienst 29(1), 304–310.

 

[4] Sting R, Geiger C, Rietschel W, Blazey B, Schwabe I, Rau J, Schneider-Bühl L (2022): Corynebacterium pseudotuberculosis infections in alpacas (Vicugna pacos). Animals 12(13), 1612. DOI: 10.3390/ani12131612.

 

[5] Sting R, Schwalm AK, Contzen M, Roller M, Rau J, 2020. Actinomycetes associated with abscess formation in a goat, a llama and two alpacas. Berliner und Münchener Tierärztliche Wochenschrift 133, Veröffentlicht am 16. Juli 2020 Open Access. DOI:10.2376/0005-9366-2020-5.

 

[6] Rau J; Eisenberg T; Männig A ; Wind C; Lasch P; Sting R, 2016. MALDI-UP – An Internet Platform for the Exchange of MALDI-TOF mass spectra ‒ User guide for http://maldi-up.ua-bw.de. Aspects of Food Control and Animimal Health 1, 1–17.

 

[7] Ziegenzuchtverband Baden-Württemberg, 2016. Richtlinie des Ziegenzuchtverbandes Baden-Württemberg zur Bekämpfung der Pseudotuberkulose in Ziegenbeständen.

 

[8] Parussel H, Hunsinger B, Philipp W, Böhm R (2005). Desinfection of sheerimng clippers tomprevent pseudotuberculosis in sheep. ISAH 2005 – Warsaw, Poland, Vol 2.

 

[9] DVG, 2021. Mindestanforderungen an Pseudotuberkulose-Überwachungsprogramme (zur gegenseitigen bundesweiten Anerkennung). Erarbeitet in einem Workshop am 15.03.2017 im LHL Kassel, ergänzt am 18.2.2021 nach Konsultationen innerhalb der DVG-Fachgruppe „Krankheiten kleiner Wiederkäuer“.

 

 

Artikel erstmals erschienen am 12.09.2022