Rhodococcus equi-Infektionen nicht nur bei Pferden – Ein Fallbericht beim Alpaka

Ein Bericht aus unserem Laboralltag

Dr. Reinhard Sting, Dr. Jörg Rau, Dr. Ingo Schwabe, Dr. Melissa Kieferle, Maren Münch

 

Die Haltung von Alpakas wird in Baden-Württemberg immer beliebter. Die Erfahrungen der Veterinärmedizin mit Infektionskrankheiten dieser in Europa gehaltenen Tiere sind jedoch noch relativ gering. Eine moderne Diagnostik hilft bei der Gesunderhaltung und Behandlung dieser Tiere. Wir berichten hier über ein Bakterium, das bisher vor allem bei Pferde-Fohlen als Erreger bekannt ist. Unser Fall zeigt, dass Rhodococcus equi auch bei Alpakas zu schweren Infektionen führen kann. Die vertieften Untersuchungen wurden im Rahmen des Konsiliarlabors für Corynebacterium pseudotuberculosis am CVUAS durchgeführt.

 

Der Fall

Wir berichten über einen außergewöhnlichen Fall einer Rhodokokkose bei einem Alpaka, einer Infektion mit dem Bakterium Rhodococcus (R.) equi. Einzelheiten zu diesen Fall sind in der Fachzeitschrift MDPI Animals veröffentlicht [1].

Der betroffene 11 Jahre alte Alpaka-Hengst magerte trotz guter Futteraufnahme zunehmend ab und verendete schließlich an Auszehrung. Weitere Tiere waren nicht erkrankt und auf der Alpaka-Farm wurden keine Pferde gehalten. Bei der pathologisch-anatomischen Untersuchung (Sektion) bestätigte eine starke Rückbildung des Herzkranzfettes (hochgradige gallertige Atrophie) und der Fettkapsel der Niere (perirenales Fett) die Auszehrung des Tieres. Weitere augenfällige pathologisch-anatomische Veränderungen betrafen die Lunge in Form von mehreren bis zu erbsengroßen Abszessen im rechten Lungenlappen und hochgradig geschwollenen Lymphknoten. Weiterhin fielen bei der Sektion Fibrinfäden in der Brusthöhle (fibrinöse Pleuritis) und ein leicht rötlicher Erguss im Herzbeutel mit einzelnen Fibrinfäden auf (fibrinöse Perikarditis).

Das Tier litt zudem an einer Aspirationspneumonie (Lungenentzündung aufgrund von Einatmen von Fremdstoffen). Die pathohistologische Untersuchung ergab Pyogranulome mit Einschlüssen von Pflanzenmaterial in der Lunge, was die Lunge als Eintrittspforte für R. equi vermuten lässt.

 

Der Erreger

Aus den Lungenabszessen konnte R. equi mit starkem Wachstum, begleitet von Helcococcus kunzii und den Anaerobiern (ohne Sauerstoff wachsende Bakterien) Fusobacterium necrophorum, Bacteroides fragilis und Prevotella heparinolytica, kultiviert werden. Bei dem R. equi-Isolat konnte das Gen des Virulenz-assoziierten Protein A (VapA) mittels PCR nachgewiesen werden.

Die Empfindlichkeitsprüfung des R. equi-Isolats gegenüber Antibiotika mit Hilfe der sogenannten MHK-Methode (Resistenztest) ergab Wirksamkeiten von Doxycyclin, Erythromycin, Gentamycin, Neomycin, Rifampicin, Trimethoprim/Sulfamethoxazole, Tetracyclin and Vancomycin. R. equi erwies sich als resistent gegen die Antibiotika Ampicillin, Cefquinom, Ceftiofur, Cefazolin, Clindamycin, Cefoxitin, Florfenicol, Oxacillin und Penicillin G.

 

Abbildung 1: Rhodococcus equi-Kultur (schleimig wachsende Kolonien) begleitet von Helcoccus kunzii-Kolonien (kleine, kaum sichtbare Kolonien) auf Schafblutagar aus einem Abszess eines Alpakas (CVUA Stuttgart).

Abbildung 1: Rhodococcus equi-Kultur (schleimig wachsende Kolonien) begleitet von Helcoccus kunzii-Kolonien (kleine, kaum sichtbare Kolonien) auf Schafblutagar aus einem Abszess eines Alpakas (CVUA Stuttgart)

 

In dem vorliegenden Fall der R. equi-Infektion bei einem Alpaka handelt es sich sicherlich um ein multifaktorielles Geschehen. Es ist von einer reduzierten Immunabwehr des Alpakas und erhöhten Erregerkonzentrationen auszugehen, die letztendlich zu der Rhodokokkose mit Bildung von Abszessen geführt hat. Möglicherweise hat das Zusammenwirken mehrerer pathogener Bakterien die Bildung der Lungenabszesse begünstigt. Ein Synergismus von Bakterien aus der Klasse der Actinobacteria wie Actinomyces, Corynebacterium, Rhodococcus, Schaalia oder Trueperella mit Bakterien aus der Gruppe der gram-negativen Anaerobier wie Fusobacterium, Bacteroides, Porphyromonas und Prevotella bei der Bildung von Abszessen ist bei verschiedenen Tierarten bekannt [2].

 

Bei Tieren aus der Familie der Kamele (Camelidae) gibt es nur wenige Berichte über R. equi-Infektionen. So wurde über einen Fall einer pyogranulomatösen Lungen- und Lymphknotenentzündung bei einem Lama [3] und über einen weiteren Fall bei einem 11 Jahre alten Lama-Hengst mit granulomatös und ulzerativer Darmentzündung, pyogranulomatöser Lymphknoten- und Leberentzündung sowie fibrinös-eitriger Bauchfellentzündung (Peritonitis) berichtet [4]. Darüber hinaus wurden Fälle von Lungenentzündungen (Pneumonien) bei Dromedaren mit R. equi-Infektionen vorgestellt [5]. Haupteintrittspforten für R. equi sind Lunge und Darm.

 

Zu beachten ist, dass virulente R. equi-Keime Zoonoseerreger sind. Das sind Krankheitserreger, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden können. Sporadisch betroffen sind insbesondere Menschen mit Immunsuppressionen (HIV-Infektionen, Chemotherapie, Organtransplantationen, etc.).

Auch das gleichzeitige Vorkommen von Helcococcus sp. (s. Abb. 1) (H. ovis oder H. kunzii) zusammen mit R. equi im Abszess beim Alpaka sind uns mit diesem Fall erstmalig begegnet.

 

Generell stellen Abszesse schwerwiegende Infektionen dar, die zum Tode des Tieres führen können, wenn wie in unserem Fall innere Organe betroffen sind. Deshalb kommt der Feststellung der Ursache dieser entzündlichen Knoten große Bedeutung zu, da Prognose, Behandlungsmöglichkeiten und vorbeugende Maßnahmen (Prophylaxe) abhängig vom Abszess auslösenden Krankheitserreger sind [2]. So sind auch bei Abszessen bei Kameliden verschiedene bakterielle Infektionserreger bekannt, die unterschiedlich bewertet und behandelt werden müssen. Zunehmende Bedeutung hat das Bakterium Corynebacterium (C.) pseudotuberculosis [6]. Wichtig ist deshalb auch die eindeutige Abgrenzung von C. pseudotuberculosis als Ursache der Pseudotuberkulose, einer der wichtigsten chronischen, derzeit nicht heilbaren, bakteriellen Infektionskrankheiten. Ganze Herden sind hier von Abszessen, vor allem in Lymphknoten und inneren Organen (käsige Lymphadenitis), betroffen.

 

R. equi wird in der Erde von Pferdeweiden und im Pferdedung auf Betrieben gefunden, in denen Tiere gehäuft von Infektionen betroffen sind. Eine besondere Gefährdung für R. equi-Infektionen geht von Ställen aus, da in diesen hohe Erregerkonzentrationen auftreten können. Für Kameliden, die in engem Kontakt mit Pferden oder auf Pferdeweiden gehalten werden, besteht somit ein erhöhtes Infektionsrisiko.

 

Fazit

Bei Kameliden (z. B. Alpakas, Lamas, Dromedare) kommen immer wieder bakterielle Infektionen vor, die zu schweren, ernst zu nehmenden Erkrankungen mit Bildung von Abszessen führen. Je nach Erreger ist auch das zoonotische Potential zu berücksichtigen. Die Ursachen der Abszesse sollten daher stets durch bakterielle Untersuchungen, beispielsweise in den öffentlichen veterinärmedizinischen Untersuchungseinrichtungen, abgeklärt werden. Bei gestorbenen Tieren ist die Aufklärung der Todesursache durch pathologisch-anatomische (Sektionen) und pathohistologische (feingewebliche) Untersuchungen anzuraten. Nur so können Aussagen zu Prognosen, Behandlungsmöglichkeiten und vorbeugenden Maßnahmen (Prophylaxe) von Einzeltieren oder Tieren der gesamten Herde gemacht werden.

 

Infokasten

Rhodococcus equi

Die Bakterien-Gattung Rhodococcus ist eng mit der Bakterien-Gattung Corynebacterium verwandt. Für die Bezeichnung der Spezies folgen wir der Empfehlung von Vázquez-Boland et al. (2020) [7] und verwenden Rhodocccous equi anstelle des Synonyms Rhodococcus hoagii.
Der bei Pferden bekannte Erreger R. equi wird bei anderen Tierarten selten als Krankheitserreger nachgeweisen. Empfänglich für R. equi-Infektione sind alle Kameliden. Typischerweise führen R. equi-Infektionen bei Pferde-Fohlen zu eitrigen Lungenentzündungen (pyogranolomatöse Pneumonien) und Lymphknotenentzündungen (Lymphadenitiden), weniger häufig zu Entzündungen in anderen Organen und Gelenken. In selteneren Fällen sind aber auch R. equi-Infektionen bei älteren Pferden beschrieben.
R. equi kann mit Hilfe der MALDI-TOF MS-Technik sicher identifiziert werden.
Charakteristische Eigenschaften von R. equi sind das Wachstum in schleimigen, mit zunehmendem Alter rosafarbenen Kolonien, der Abbau von Harnstoff und Nitrat sowie eine Verstärkung der Hämolyse (CAMP-Phänomen) mit Staphylococcus aureus, Corynebacterium pseudotuberculosis, Listeria monocytogenes und Listeria ivanovii (s. Abbildung 2).
Virulente R. equi-Isolate tragen das Gen für das Virulenz-assoziierte Protein A (VapA).

 

Abbildung 2: CAMP-Phänomen (Verstärkung der Hämolyse) von Rhodococcus equi mit Staphylococcus aureus, Listeria monocytogenes, Listeria ivanovii und Corynebacterium pseudotuberculosis (von links nach rechts).

Abbildung 2: CAMP-Phänomen (Verstärkung der Hämolyse) von Rhodococcus equi mit Staphylococcus aureus, Listeria monocytogenes, Listeria ivanovii und Corynebacterium pseudotuberculosis (von links nach rechts)

 

Bildernachweis

CVUA Stuttgart

 

Quellen

[1] Sting R, Schwabe I, Kieferle M, Münch M, Rau J (2022). Fatal infection in an alpaca (Vicugna pacos) caused by pathogenic Rhodococcus equi. Animals 2022, 12, 1303. DOI: 10.3390/ani12101303

[2] Sting R, Schwalm AK, Contzen M, Roller M, Rau J (2020). Actinomycetes associated with abscess formation in a goat, a llama and two alpacas. Berliner und Münchener Tierärztliche Wochenschrift 133, Berliner und Münchener Tierärztliche Wochenschrift 133, veröffentlicht 07/2020 (Open Access). DOI: 10.2376/1439-0299-2020-6

[3] Hong CB, Donahue JM (1995). Rhodococcus equi-associated necrotizing lymphadenitis in a llama. Journal of Comparative Pathology 113, 85–88.

[4] Löhr CV, O’Neill TW, Daw DN, Pitel MO, Schlipf JW (2019). Pyogranulomatous enteritis and mesenteric lymphadenitis in an adult llama caused by Rhodococcus equi carrying virulence-associated protein A gene. Journal of Veterinary Diagnostic Investigation 31, 747–751. DOI: 10.1177/1040638719862834

[5] Kinne J, Madarame H, Takai S, Jose S, Wernery U (2011). Disseminated Rhodococcus equi infection in dromedary camels (Camelus dromedarius). Veterinary Microbiology 149, 269–272. DOI:10.1016/j.vetmic.2010.09.037

[6] Sting R, Rietschel W, Polley B, Süß-Dombrowski C, Rau J (2017): Corynebacterium pseudotuberculosis infection in a dromedary (Camelus dromedaries) in Germany. Berliner und Münchener Tierärztliche Wochenschrift 130, 511–516. DOI: 10.2376/0005-9366-16082

[7] Vázquez-Boland JA, Scortti M, Meijer WG (2020). Conservation of Rhodococcus equi (Magnusson 1923) Goodfellow and Alderson 1977 and rejection of Rhodococcus hoagii (Morse 1912) Kämpfer et al. 2014. International Journal of Systematic and Evolutionary Microbiology 70, 3572–3576. DOI: 10.1099/ijsem.0.004090

 

 

Artikel erstmals erschienen am 13.06.2022