Corynebacterium ulcerans beim Igel: Neue Ergebnisse aus belgischer Studie lassen aufhorchen

Ein Bericht aus unserem Laboralltag

Jörg Rau (CVUAS); Tobias Eisenberg (LHL); Andreas Sing, Anja Berger (LGL); An Martel, Frank Pasmans (Wildlife Health Ghent)

 

Wildlebende Igel können sich mit Corynebacterium ulcerans – einem engen Verwandten des Diphtherie-Erregers des Menschen – infizieren. Bisher waren nur vereinzelte Fälle aus Deutschland bekannt. Unterstützt durch drei Landeslabore wurden nun durch die Wildlife Health Ghent, einer belgischen Forschungsgruppe, regional hohe Fallzahlen nachgewiesen. Unter den Bakterien überwogen dabei die Toxin-tragenden Varianten. Die Ergebnisse belegen erneut eindrücklich, wie wichtig ein ausreichender Impfschutz gegen Diphtherie und die richtige Hygiene bei der Behandlung und Pflege von Igeln sind.

 

Abb. 1 (Archivbild): Igel, Foto: monicore/Pixabay, CC0 Public Domain.

Abb. 1 (Archivbild): Igel, Foto: monicore/Pixabay, CC0 Public Domain

 

Igel sind nützliche, besonders geschützte heimische Wildtiere. Sie besuchen als Kulturfolger und Allesfresser auch Gärten und Parks. Bei dieser Lebensweise nahe beim Menschen sind die beliebten Tiere nicht nur durch den Straßenverkehr und Rasenmäher gefährdet, auch Krankheiten setzen ihnen zu.

Über erste vereinzelte Nachweise von Corynebacterium (C.) ulcerans bei Igeln in Deutschland berichteten wir bereits vor zwei Jahren [1, 2]. Als enger Verwandter des Diphtherie-Erregers des Menschen ist dieses Bakterium ein ernstzunehmender Infektionserreger [s. Infokasten].

 

Infokasten

Corynebacterium ulcerans

ist den nah verwandten Bakterienarten C. pseudotuberculosis (Erreger der Pseudotuberkulose der Ziegen und Schafe) und C. diphtheriae (Erreger der klassischen Diphtherie des Menschen) sowie C. rouxii, C. belfantii und C. silvaticum in vielen Eigenschaften sehr ähnlich. Eine sichere Unterscheidung dieser Bakterien aus der sogenannten C. diphtheriae-Gruppe ist anspruchsvoll.
In den letzten Jahren ist C. ulcerans zunehmend bei Hunden und Katzen sowie Wild-und Zootieren isoliert worden [6–8]. Die Bakterien verursachen als Zoonose-Erreger dabei beim Menschen vor allem Wundinfektionen, können aber auch eine Diphtherie-ähnliche Erkrankung auslösen. In westlichen Industriestaaten kommen die durch C. ulcerans verursachten Diphtherie-ähnlichen Erkrankungen mittlerweile häufiger vor als die eigentliche Diphtherie, wobei die gemeldeten Fallzahlen glücklicherweise weiterhin ein niedriges Niveau haben [9].

 

Gezielte Untersuchungen von Igeln aus dem belgischen Flandern durch die Wildlife Health Ghent, einer Forschungsgruppe der Universität Gent, zeigen nun eine regional überraschend große Falldichte und -häufigkeit. In Tierauffangstationen der Region abgegebene Igel wurden im Frühjahr 2020 umfassend bakteriologisch untersucht. Aus dem vielfältigen Bakterienspektrum konnten C. ulcerans vor allem aus entzündeten Hautwunden vieler Tiere isoliert werden. Das Toxinprofil der C. ulcerans-Stämme erwies sich dabei als breit gefächert. Zudem war auffällig, dass nur männliche Tiere betroffen waren. Ein Zusammenhang mit entzündeten Bisswunden nach Revierkämpfen im Frühjahr liegt daher nahe [3].

 

Dazu Prof. Dr. An Martel (Wildlife Health Ghent), Leiterin der Studie:

„Wir untersuchen in Belgien systematisch Wildtiere auf Krankheiten. An unserer Igel-Studie hat mich die Häufigkeit der positiven Corynebakterien-Nachweise überrascht: In nur zwei Monaten wurden 81 Igel aus Auffangstationen Flanderns untersucht. Über 50 der Igel trugen Corynebacterium ulcerans – in überwiegendem Anteil dabei die Toxin-tragenden Varianten. Beim ungeschützten Umgang mit den stacheligen Igeln sehen wir das Risiko einer ernsten Infektion. Auch Bisse der Tiere sind nicht zu unterschätzen. Dieser Gefahr sollte man sich bei der Behandlung oder Pflege der Tiere bewusst sein. Unsere Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit, hierzu die Öffentlichkeit zu sensibilisieren und die Überwachung von Wildtierkrankheiten zu verbessern.“

 

Auf die Bitte der belgischen Forschenden hin wurden alle Corynebacterium-Isolate aus den Igeln mit einem bewährten Spektrum an weitergehenden Methoden arbeitsteilig an den beteiligten deutschen Landeslaboren weiter charakterisiert und verglichen [vgl. 4]. Für die zuverlässige Identifizierung der Krankheitserreger kamen schon in Belgien moderne Techniken wie die MALDI-TOF Massenspektrometrie oder die Analyse speziesspezifischer Gensequenzen zum Einsatz. Das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart übernahm zudem die vergleichenden Untersuchungen mittels der Infrarot-Spektroskopie. Hiermit wurde die Verschiedenartigkeit der belgischen Isolate schnell klar [3]. Auch ließen sich die Isolate eindeutig von C. diphtheriae und dem kürzlich von unseren Arbeitsgruppen beschriebenen Corynebacterium silvaticum sowie den weiteren Vertretern der C. diphtheriae-Gruppe abgrenzen [Infokasten; 5]. Das Konsiliarlabor für Diphtherie am Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) führte bei den Igel-Isolaten den wichtigen Nachweis des aktiven Diphtherietoxins durch.

 

Diese schnelle unkomplizierte und über Ländergrenzen reichende Unterstützung ist bei der Untersuchung von weniger häufigen Erregern besonders hilfreich.

 

Dazu Dr. Volker Renz, Amtsleiter des CVUA Stuttgart:

„Zoonose-Erreger, also zwischen Wirbeltieren und Menschen übertragbare Krankheitserreger, verdienen unsere besondere Aufmerksamkeit – und das nicht erst seit Corona. Die systematische Untersuchung von Wildtieren auch auf seltenere Bakterien, Viren und Parasiten ist für die Früherkennung auch regional besonders wichtig. Deshalb haben wir am CVUA Stuttgart unsere Erfahrungen in der Erregeridentifizierung gerade in diese Studie gerne eingebracht. Ich kämpfe sehr dafür, dass unsere Ressourcen für die Unterstützung solcher wirksamen und wichtigen Arbeiten auch zukünftig ausreichen.“

 

Die Ergebnisse hat das Forscherteam der Universität Gent nun zusammengefasst. Die Studie ist in der Fachzeitschrift „Emerging Infectious Diseases“ erschienen und ist frei zugänglich [2].

 

Fazit

Igel können auch auf den Menschen übertragbare Krankheitserreger und Parasiten tragen, auch wenn die Tiere gesund erscheinen. Über Igel, die auch toxigene Corynebacterium ulcerans beherbergen können, berichteten wir bereits 2019 [1]. Die aktuelle Studie mit Tieren aus belgischen Tiergesundheitsstationen zeigt nun eindrucksvoll, dass dies regional mit höheren Fallzahlen einhergehen kann [3].

Auch Personen, die nur gelegentlich mit Wildtieren arbeiten (Jäger, Tierärzte, Mitarbeiter von Igelstationen und Tierheimen) sollten sich der Gefahr dieses bisher wenig beachteten Infektionsrisikos bewusst sein und dies im Umgang mit den Tieren berücksichtigen. Schon nach einem kurzen Tierkontakt sind allgemeine Hygienemaßnahmen, wie das gründliche Waschen mit warmem Wasser und Seife und gegebenenfalls auch die Desinfektion der Hände ratsam. Beim Umgang mit Igeln sollten geeignete Handschuhe, die außerdem auch vor den Stacheln oder Bissen schützen, getragen werden. Um den Erreger nicht weiter zu verbreiten, ist bei der Pflege eine gründliche Desinfektion der Behausungen der Igel ebenfalls wichtig. Zum Schutz vor der Diphtherie-Erkrankung ist ein ausreichender, regelmäßig aufgefrischter Impfschutz für alle Personen mit Kontakt zu Wildtieren ratsam [5].

 

Wir bedanken uns für die offene, unkomplizierte und vertrauensvolle Zusammenarbeit bei allen Beteiligten und deren Mitarbeitenden.

 

Hinweise für das Fachkollegium

Der Nachweis und die Bestätigung von potentiell toxigenen Corynebakterien kann in modern ausgestatteten diagnostischen Einrichtungen wie den an der Studie beteiligten Landeslaboren in kurzer Zeit durchgeführt werden.

 

Bestätigte Isolate von Tieren der Spezies Corynebacterium ulcerans, C. diphtheriae, C. silvaticum, C. rouxii oder C. belfantii können vom isolierenden Labor nach Absprache an das Konsiliarlabor für Diphtherie am LGL Bayern, Oberschleißheim eingesandt werden, um durch weiterführende, kostenfreie Untersuchungen das Zoonose-Potential (Nachweis des Diphtherietoxin-Gens und der Toxinproduktion) abschätzen zu können.

 

Die C. ulcerans-Isolate aus der Studie wurden genutzt, um die bestehende Sammlung individueller MALDI-TOF Massenspektren zu ergänzen. Diese Vergleichsspektren sind für das Fachkollegium über die MALDI-User Plattform MALDI-UP per Tausch zugänglich.

 

Weiterführende Links

 

Quellen

[1] Rau J, Sting R, Eisenberg T, Peters M, Mühldorfer K, Braune S, Sing A, Berger A, Dangel A (2019) Corynebacterium ulcerans – ein bisher wenig beachtetes humanpathogenes Bakterium beim Igel. Internetbeitrag des CVUA Stuttgart vom 27.02.2019, abgerufen am 06.10.2021.

 

[2] Berger A, Dangel A, Peters M, Mühldorfer K, Braune S, Eisenberg T, Szentiks CA, Rau J, Konrad R, Hörmansdorfer S, Ackermann N, Sing A (2019) Tox-positive Corynebacterium ulcerans in hedgehogs, Germany. Emerging Microbes & Infections 8: 1, 211–217.

 

[3] Martel A, Boyen F, Rau J, Eisenberg T, Sing A, Berger A, Chiers K, Van Praet S, Verbanck S, Vervaeke M, Pasmans F (2021) Widespread Disease in Hedgehogs (Erinaceus europaeus) caused by toxigenic Corynebacterium ulcerans. Emerging Infectious Diseases, 2: 7 2686–2690.

 

[4] Rau J, Eisenberg T, Peters M, Berger A, Kutzer P, Lassnig H, Hotzel H, Sing A, Sting R, Contzen M (2019) Reliable differentiation of a non-toxigenic tox gene bearing Corynebacterium ulcerans variant frequently isolated from game animals using MALDI-TOF MS. Veterinary Microbiology, 237: 108399.

 

[5] Dangel A, Berger A, Rau J, Eisenberg T, Kämpfer P, Margos G, Contzen M, Busse H-J, Konrad R, Peters M, Sting R, Sing A (2020) Corynebacterium silvaticum sp. nov., a unique group of NTTB corynebacteria in wild boar and roe deer. Int J Syst Evol Microbiol 2020 70: 3614–3624.

 

[6] Meinel DM, Margos G, Konrad R, Krebs S, Blum H, Sing A (2014) Next generation sequencing analysis of nine Corynebacterium ulcerans isolates reveals zoonotic transmission and a novel putative diphtheria toxin-encoding pathogenicity island. Genome Med 6: 113.

 

[7] Sting R, Schwabe I, Mauder N (2015) Diphtherie ähnliche Erkrankungen bei Mensch und Tier – Corynebakterien im Fokus. Internetbeitrag des CVUA Stuttgart vom 25.03.2015, abgerufen am 11.10.2021.

 

[8] Eisenberg T, Mauder N, Contzen M, Rau J, Ewers C, Schlez K, Althoff G, Schauerte N, Geiger C, Margos G, Konrad R, Sing A (2015) Outbreak with clonally related isolates of Corynebacterium ulcerans in a group of water rats. BMC Microbiology 15: 42.

 

[9] Informationen des Konsiliarlabors für Diphtherie am Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit Bayern (LGL), abgerufen am 11.10.2021.

 

 

Artikel erstmals erschienen am 25.10.2021