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Erste Fälle der Hämorrhagischen Septikämie des Rindes (Wild- und Rinderseuche) in Baden-Württemberg

Ein Bericht aus unserem Laboralltag

Katharina Schwalm, Tierärztin
Dr. Birgit Blazey, Fachtierärztin für Pathologie
Dr. Ingo Schwabe, Fachtierarzt für Pathologie
Dr. Lisa Schneider-Bühl, Fachtierärztin für Mikrobiologie

 

Mehrere Rinder mit Weidegang verstarben plötzlich in den Landkreisen Calw und Freudenstadt.

Schlagartig hohe Temperaturen im Juni und Anfang Juli 2019 setzten Mensch und Tier in diesem Jahr bereits stark zu. Im nördlichen Schwarzwald verstarben in kurzer Zeit mehrere Weiderinder. Waren die Tiere am Abend zuvor noch bei gutem Allgemeinbefinden, wirkten sie am nächsten Morgen geschwächt, atmeten schwer, gaben keine Milch mehr und lagen teilweise fest. Mehrere Tiere verendeten.

Zwei Kühe und zwei Kälber aus drei landwirtschaftlichen Betrieben aus zwei benachbarten Landkreisen wurden an das CVUA Stuttgart zur Sektion gebracht.

 

Sektion – die wichtigsten Befunde

In allen vier Fällen fielen bei der Sektion flächige bis diffuse Unterhautödeme auf. Das Brust- und Bauchfell sowie der Herzbeutel waren mit multifokalen Ekchymosen und Suffusionen (fleckenartige bis flächige Blutungen) übersät. Der Verdauungstrakt zeigte bei den Kühen eine hochgradige Gefäßinjektion (Blutfülle) mit diffuser Rötung der Vormagen- und Labmagenschleimhaut sowie eine streifige Rötung der Darmschleimhaut. Bei einem der Tiere fiel neben Unterhautödemen eine ausgeprägte einseitige hämorrhagische Muskelnekrose am Oberschenkel auf. Bei einem weiteren Tier zeigte sich ein hochgradiges Ödem mit Blutungen in das Weichgewebe im Kehlbereich. Die histologische (feingewebliche) Untersuchung dieses Gewebes ergab ein hochgradiges hämorrhagisches Ödem mit akuter nekrotisierender Vaskulitis (Gefäßentzündung) (Abbildung 1).

Anhand des pathomorphologischen und histologischen Bildes lag der Verdacht einer Septikämie nahe.

 

Abbildung 1: Weichgewebe im Kehlbereich mit hochgradiger akuter nekrotisierender Vaskulitis (Gefäßentzündung), Standard-H&E-Färbung, 40x.

Abbildung 1: Weichgewebe im Kehlbereich mit hochgradiger akuter nekrotisierender Vaskulitis (Gefäßentzündung), Standard-H&E-Färbung, 40x

 

Bakteriologische Untersuchung – ein Volltreffer

In der Bakteriologie wurde bei allen Tieren Pasteurella multocida mit sehr starkem Keimgehalten aus einem Großteil der inneren Organe kultiviert (Abbildung 2). Sofort nach der Anzucht wurden die Isolate per MALDI-TOF Massenspektrometrie als Pasteurella multocida identifiziert. Im gleichen Arbeitsgang wurden die Isolate mittels FTIR (Fourier-Transformations-Infrarotspektrometer) als Pasteurella multocida Kapseltyp B erkannt, einem klassischen Erreger der sogenannten Hämorrhagischen Septikämie (Wild- und Rinderseuche) .

Untersuchungen am FLI (Friedrich-Loeffler-Institut, Jena) und im Landeslabor Berlin-Brandenburg konnten mittels PCR in allen vier Fällen den Kapseltyp B bestätigen.

 

Abbildung 2: Kultur von Pasteurella multocida Kapseltyp B auf Blutagar.

Abbildung 2: Kultur von Pasteurella multocida Kapseltyp B auf Blutagar

 

Hämorrhagische Septikämie der Rinder – längst nicht mehr nur in den Tropen

Die Hämorrhagische Septikämie ist vor allem aus Afrika und Asien bekannt. Auslöser dieser Krankheit sind Pasteurella multocida Stämme vom Kapseltyp B:2 und E:2. Für internationales Aufsehen sorgte ein Massensterben bei Saiga-Antilopen in Kasachstan im Jahr 2015 aufgrund der Hämorrhagische Septikämie, die durch Pasteurella multocida Kapseltyp B hervorgerufen wurde [1]. Empfänglich für eine Infektion sind neben Rindern und Büffeln auch Wildwiederkäuer, kleine Wiederkäuer, Haus- und Wildschweine, selten auch Pferde und Esel. In Deutschland wurden Krankheitsausbrüche mit dem Kapseltyp B in Brandenburg und Sachsen Anhalt (2010) [2], in Niedersachsen (2013) [3], in Mecklenburg-Vorpommern (2014/2015) [4] und zuletzt 2017 in Nordbayern [5] beschrieben. Hohe Temperaturen bei hoher Luftfeuchte waren typische Begleitfaktoren bei diesen Krankheitsausbrüchen. Bei den bisher in Deutschland aufgetretenen Fällen handelt es sich um zeitlich und räumlich begrenzte Ausbrüche.

In Baden-Württemberg sind zuvor keine Fälle von Hämorrhagischer Septikämie bei Rindern beschrieben worden.

 

Klinisch sind bei dieser Tierkrankheit verschiedene Verlaufsformen möglich. Bei der perakuten Form tritt hohes Fieber, Apathie und Fressunlust mit rascher Todesfolge auf. Die akute Form äußert sich durch hochgradige Unterhautödeme, Konjunktivitis mit Atemnot und Tod innerhalb weniger Tage. Zusätzlich ist die pektorale Form beschrieben mit Pneumonie, gestörter Vormagen- und Darmmotorik und blutigem Durchfall.

Als mögliche Übertragungsquelle gelten symptomfreie Trägertiere, die den Erreger bei Stress ausscheiden. Durch direkten oder durch indirekten Tierkontakt, wie z.B. durch gemeinsame Wassertränken, kommt es zur Übertragung der Bakterien. Ein Massensterben ist möglich [6, 7, 8].

Die Wild- und Rinderseuche zählt zu den von der Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) gelisteten meldepflichtigen Tierkrankheiten [9]. Erkrankungen beim Menschen durch die Kapseltypen B und E sind nicht bekannt, wohl aber durch andere Kapsel- und Serotypen von Pasteurella multocida.

 

Maßnahmen und Therapie

Für Tiere, die eindeutige Krankheitsanzeichen zeigen, kommt meist jede Hilfe zu spät. Daher sollten die betroffenen Tiere bereits in der initialen Fieberphase antibiotisch behandelt werden. Bei einer Infektion mit Pasteurella multocida Kapseltyp B gelten zudem verschärfte Hygienemaßnahmen (u.a. Quarantäne, Reinigung und Desinfektion). Wildtiere werden als Reservoir für diesen Erreger angesehen, so dass bei Weiderindern der Zugang von Wild auf Weiden und zu Tränken durch geeignete Einzäunungen verhindert und Wildfütterungsplätze nicht in der Nähe von Weidegebieten eingerichtet werden sollten.

Jäger werden gebeten, vermehrte Aufmerksamkeit auf verendetes Wild zu richten und tot aufgefundene Tiere in einem Untersuchungsamt untersuchen zu lassen.

Diese Untersuchungen werden im Rahmen des Wildtiermonitorings kostenfrei durchgeführt.

 

Hintergrundinformationen

Hämorrhagische Septikämie des Rindes (Wild- und Rinderseuche)

  • In Europa durch eine Infektion mit Pasteurella multocida Kapseltyp B ausgelöst
  • Tritt vor allem in den Sommermonaten bei hohen Temperaturen und hoher Luftfeuchte auf
  • Perakuter Verlauf mit hohem Fieber, Apathie und Fressunlust, akuter Verlauf mit Unterhautödemen und Atemwegssymptomatik
  • Ausbrüche von Hämorrhagischer Septikämie treten zeitlich und räumlich begrenzt auf

 

 

Quellen

[1] Presse Portal. 2019. Rätsel gelöst: Wetterbedingungen waren schuld am Massensterben von Saigas.

[2] Soike D, Schulze C, Kutzer P, Ewert B, van der Grinten E, Schliephake A, Ewers C, Bethe A, Rau J. 2012. Berl. Münch. Tierärztl. Wschr. 125(3–4): 122–128.

[3] Rohkohl J, Schulze C, Bilk S. 2015. Hämorrhagische Septikämie bei Milchkühen in Niedersachsen. Prakt. Tierarzt 96: 598–608.

[4] Falkenberg U. 2016. „Pasteurellen einmal anders" – Die Hämorrhagische Septikämie oder Wild- und Rinderseuche in Rinderbeständen in MV. Veranstaltung des bpt Landesverbandes MV und LTÄK MV am 19.10.16 in Güstrow.

[5] Müller M, Locher N. 2017, Hämorrhagische Septikämie bei Wildtieren und Rindern in Nordbayern. Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit.

[6] Selbitz HJ, Truyen U, Valentin-Weigand P. 2015. Tiermedizinische Mikrobiologie, Infektions- und Seuchenlehre, 10. aktualisierte Auflage, Enke Verlag.

[7] Klee W. 2015. Hämorrhagische Septikämie (HS, „Wild- und Rinderseuche“)

[8] Landesportal Sachsen-Anhalt. 2010. Informationen zur akuten Pasteurellose des Wildes und der Rinder (Hämorrhagische Septikämie).

[9] OIE (World Organisation for Animal Health). 2019. OIE-Listed diseases, infections and infestations in force in 2019.

 

Bericht erschienen am 29.07.2019 09:06:36

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