Ursachen zentralnervöser Störungen bei Tieren – Beispiele aus der Pathologie (3)

Dres. Danner, Fischer, Suntz

 

In das Labor für Veterinär-Pathologie des CVUA Freiburg werden täglich Tiere zur Obduktion eingesandt. Bei vielen dieser Tiere lautet der Vorbericht „neurologische Ausfallserscheinungen". Diesen relativ unspezifischen klinisch feststellbaren Symptomen können zahlreiche unterschiedliche, infektiöse, aber auch nichtinfektiöse Ursachen zugrunde liegen. Das zentrale Nervensystem (Gehirn und Rückenmark) muss dabei nicht immer der eigentliche Sitz der Erkrankung sein. Auch Erkrankungen von Leber, Nieren, Magen-Darmtrakt, Atmungs- und Kreislauforganen können zu zentralnervösen Symptomen führen.
Aufgrund dieser Vielfalt möchten wir Ihnen mit unserer Newsletter-Serie „Ursachen zentralnervöser Störungen - Beispiele aus der Pathologie" einige solcher Krankheiten anhand von Fallberichten vorstellen. Weitere interessante Beiträge zum Thema finden Sie hier.

 

In diesem Beitrag möchten wir Ihnen die Untersuchungsergebnisse zu einem zehn Monate alten weiblichen Jungrind vorstellen, welches aufgrund neurologischer Ausfallserscheinungen mit Verdacht auf eine Listeriose (bakterielle Erkrankung des Hirnstammes) zur Sektion eingesandt wurde.

Sporadische Leukose des Rindes

Gehirn (Längsschnitt), Luftröhre (dorsal), Gebärmutter mit OvarDie pathologisch-anatomische Untersuchung des Jungrindes der Rasse Galloway ergab beige speckige Umfangsvermehrungen in zahlreichen Lokalisationen: Oberhalb der Trachea wurde eine 20 x 10 x 5 cm große Umfangsvermehrung im Bereich der tiefen Halsymphknoten nachgewiesen, das Gewebe des rechten Eierstocks wurde durch eine kirschgroße Umfangsvermehrung verdrängt, die Wand der Gebärmutter war mit entsprechenden Umfangsvermehrungen durchsetzt und es befand sich eine walnussgroße Umfangsvermehrung zwischen Kleinhirn und Hirnstamm.
Letzt genannte führte zur Kompression von Kleinhirn und Hirnstamm. Als Folge entwickelte sich ein Hydrocephalus internus (Hirnwassersucht).

Weitere Untersuchungen:

Die Umfangsvermehrungen wurden einer feingeweblichen (pathologisch-histologischen) sowie einer virologischen Untersuchung unterzogen.
In der feingeweblichen Untersuchung stellten sich die Umfangsvermehrungen als Infiltration monomorpher Lymphoblasten dar. Im Gehirn wurden außer im Bereich der Umfangsvermehrung Tumorzellinfiltrate in der Hirnhaut, um die Gefäße und in der Auskleidung der Hohlräume des Gehirns nachgewiesen.
Mittels virologischer Untersuchung wurden die Tumore auf das Vorhandensein von Provirus (= virale DNS integriert in das Wirtszellgenom) des Bovine Leukosevirus (BLV) mittels Polymerasekettenreaktion untersucht. Die Untersuchung verlief mit negativem Ergebnis.
Aufgrund dieser Untersuchungen wurde die Diagnose einer sporadischen Leukose des Rindes mit multizentrischer Verteilung gestellt.

Zusammenfassung:

Die klinisch beobachteten zentralnervösen Störungen sind bei diesem Rind auf die Umfangsvermehrung in der Schädelhöhle im Zuge der Leukose sowie den Hydrocephalus internus zurückzuführen. Bei letzterem ist davon auszugehen, dass dieser infolge einer Liquorabflussstörung aufgrund der Verdrängung des Gehirns durch den Tumor sowie durch die tumoröse Infiltration des Ependyms entstanden ist.

 

Leukose des Rindes

Als Leukosen werden Tumore, die von den weißen Blutzellen ausgehen, bezeichnet. Bei der Leukose des Rindes ist die enzootische Form von der sporadischen zu unterscheiden. Die enzootische Leukose wird durch eine Infektion mit dem Bovine Leukosevirus verursacht, ist hochkontagiös und kommt meist bei über drei Jahre alten Rindern vor. Das Virus gehört zur Familie der Retroviren. Die Übertragung erfolgt durch zellulären Austausch (z.B. Milch, Blut). Tumoren treten in den Lymphknoten sowie in zahlreichen Organen auf. Die Infektion ist anzeigepflichtig; aufgrund der sich aus der Anzeigepflicht ergebenden Bekämpfungsmaßnahmen tritt diese Form der Leukose in Deutschland nur sehr selten auf.

Bei der sporadischen Leukose handelt es sich um eine Einzeltiererkrankung. Es lassen sich 3 Formen unterscheiden: die Kälberleukose, die Thymusleukose und die Hautleukose. Die Kälberleukose tritt bei Kälbern unter sechs Monaten auf. Hier können Tumore in den Lymphknoten und in zahlreichen Organen aufgefunden werden. Die Thymusleukose betrifft Jungrinder im Alter von sechs Monaten bis zu einem Jahr, während die Hautleukose bei Rindern mit einem Alter von ein bis zwei Jahren vorkommt.

Fazit:

Wie dieser Fall gezeigt hat, können seltene Organmanifestationen auftreten, die nicht in das klassische Schema der sporadischen Leukose passen. Aufgrund der unterschiedlichen Maßnahmen, die nach Diagnosestellung ergriffen werden, ist es zwingend notwendig, die enzootische (anzeigepflichtige Tierseuche mit Bekämpfungsmaßnahmen) von der sporadischen Form (Einzeltiererkrankung, keine weiteren Maßnahmen) abzugrenzen. Diese Unterscheidung kann nicht morphologisch, sondern nur mittels Virus- oder Antikörpernachweis erfolgen.

 

Weitere Informationen:

Zur Themenseite "Ursachen zentralnervöser Störungen bei Tieren – Beispiele aus der Pathologie"

 

Literatur

  • Spezielle Pathologie für die Tiermedizin, Baumgärtner/Gruber (Hrsg.), 1-. Auflagen, Enke Verlag 2015
  • Pathology of Domestic Animals, Jubb/Kennedy/Palmer (Hrsg.), 6th Edition, Elsevier Verlag 2016

Bildnachweis

CVUA Freiburg, Labor Pathologie

 

 

 

 

Bericht erschienen am 28.04.2016 13:36:04