Ursachen zentralnervöser Störungen bei Tieren – Beispiele aus der Pathologie (1)

In das Labor für Veterinär-Pathologie des CVUA Freiburg werden täglich Tiere zur Obduktion eingesandt. Bei vielen dieser Tiere lautet der Vorbericht „neurologische Ausfallserscheinungen". Diesen relativ unspezifischen klinisch feststellbaren Symptomen können zahlreiche unterschiedliche, infektiöse, aber auch nichtinfektiöse Ursachen zugrunde liegen. Das zentrale Nervensystem (Gehirn und Rückenmark) muss dabei nicht immer der eigentliche Sitz der Erkrankung sein. Auch Erkrankungen von Leber, Nieren, Magen-Darmtrakt, Atmungs- und Kreislauforganen können zu zentralnervösen Symptomen führen.
Aufgrund dieser Vielfalt möchten wir Ihnen mit unserer Newsletter-Serie „Ursachen zentralnervöser Störungen - Beispiele aus der Pathologie" einige solcher Krankheiten anhand von Fallberichten vorstellen.

 

Der erste Fall beschäftigt sich mit einer letal verlaufenen parasitären Infektion bei einem Hund.

 

Fallbericht 1: Angiostrongylose

Im September wurde aus einer Klinik für Kleintiere ein Hund in das Labor für Veterinär-Pathologie eingesandt, der nach akuten neurologischen Ausfallserscheinungen und Nasenbluten verstorben war.

 

Bei der pathologisch-anatomischen Untersuchung wurde ein hochgradiger Befall mit dem Lungenwurm Angiostrongylus vasorum im Herzen und in den Lungenarterien festgestellt (s. Abb. 1). Die Lunge war schwer, verdichtet und wies zahlreiche Blutungen auf (s. Abb. 2). Als weiterer Befund zeigte das Gehirn mehrere kleine Blutungen.

hochgradiger Befall mit dem Lungenwurm Angiostrongylus vasorum

In der darauf durchgeführten feingeweblichen Untersuchung wies die Lunge für eine Angiostrongylose typische Veränderungen auf: Es wurden massenhaft Larven in den kleinen Arterienästen nachgewiesen, häufig zusammen mit einer Thrombosierung der Gefäße bzw. granulomatösen Entzündung der Lunge (s. Abb. 3).
Die Blutungen im Gehirn wurden bestätigt (s. Abb. 4). Teilweise lag in diesen Bereichen auch eine granulomatöse Entzündung vor. Wurmlarven wurden zwar nicht nachgewiesen, eine Durchwanderung jedoch aufgrund der Art der Läsionen vermutet.
feingewebliche Untersuchung

Angiostrongylus vasorum gehört zu den Nematoden (Fadenwürmer). Es handelt sich um Parasiten des Blutgefäßsystems und der Lunge. Des Weiteren besteht eine Tendenz zur Besiedelung des zentralen Nervensystems. Der Parasit kommt bei Füchsen, Dachsen, Wölfen und Hunden vor.
Die adulten Würmer besiedeln die Lungenarterie und seltener die rechte Herzkammer. Die von den Weibchen abgelegten Eier bleiben in den feinen Abzweigungen der Arterie stecken und entwickeln sich dort zur Larve I. Diese brechen in den Respirationstrakt ein und gelangen in die Luftröhre. Von dort werden sie hochgehustet und abgeschluckt, wodurch sie in den Verdauungskanal gelangen und mit dem Kot ausgeschieden werden.


Darauf erfolgt die Entwicklung zur Larve III innerhalb von 3 Wochen in verschiedenen Zwischenwirten, wozu in Europa Wegschnecken gehören. Durch Verzehr der Schnecken infizieren sich die Endwirte mit der Larve III. Vom Verdauungskanal wandern die Larven in die Lymphknoten des Bauchraumes aus, wo sie sich zur Larve V entwickeln. Die rechte Herzkammer und die daraus abgehende Lungenarterien werden vermutlich über das Venensystem erreicht.

A. vasorum kommt in Europa endemisch bei Füchsen vor (siehe hierzu auch den Newsletter des STUA Aulendorf - Diagnostikzentrum vom 25.03.2011). Diese stellen eine Infektionsquelle für unsere Haushunde dar. Beim Hund tritt die Erkrankung allerdings selten auf. Es sind perakute, wie in diesem Fall, aber auch akute und chronische Verläufe beschrieben.

 

Die Diagnose einer Angiostrongylose kann beim lebenden Hund mittels parasitologischer Kotuntersuchung gestellt werden. Zur Prophylaxe wird eine regelmäßige Entwurmung empfohlen. Für die Wahl eines geeigneten Präparates wenden Sie sich bitte an Ihren Haustierarzt.

Fazit:

Die bei diesem Hund festgestellten neurologischen Ausfallserscheinungen sind mit hoher Wahrscheinlichkeit auf eine Fehlwanderung von Angiostrongylus vasorum in das Gehirn zurückzuführen. Eine Lungensymptomatik, wie sie bei einer Angiostrongylose zu erwarten wäre, trat nicht auf.

Bildnachweis

alle CVUA Freiburg

Quellen:

Boch und Supperer, 2006: Veterinärmedizinische Parasitologie, 6., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage, Parey

 

 

Autor(en): Dr. Ulrike Fischer, Dr. Michael Suntz (CVUA Freiburg)

 

Bericht erschienen am 12.12.2014 08:55:54