Ein unerwarteter Befund: Yersinia enterocolitica in der Mastitisdiagnostik - Ein Fallbericht aus dem Laboralltag -

Dr. Wybke Murmann, Dr. Christine Wind (CVUA Freiburg)

 

Ende 2013 erhielt das CVUA Freiburg Milchproben für die Mastitisdiagnostik. Bei einer Kuh war im Euterviertel vorne rechts die Zellzahl deutlich erhöht (1.203.000 Zellen).

 

Abbildung 1: Yersinia enterocolitica-Kolonien auf einem festen Nährmedium

Erhöhte Zellzahlen sind Kennzeichen einer Euterentzündung, welche durch Mikroorganismen verursacht werden kann. Häufig bei Euterentzündungen vorkommende Mikroorganismen sind z.B. Staphylokokken und Streptokokken.

 

Der für den vorliegenden Fall unerwartete Befund: Bakteriologisch konnte in der Milchprobe ausschließlich die Bakterienart Yersinia enterocolitica nachgewiesen werden (Abbildung 1). Yersinia enterocolitica wird jedoch nur sporadisch als Mastitiserreger bei Wiederkäuern ausgemacht. [1][2][4]

 

 

 

 

Infokasten

Einige Vertreter der Bakterien-Art Yersinia enterocolitica (sogenannte pathogene Yersinia enterocolitica) können bei Menschen die Infektionskrankheit Yersiniose verursachen. Als Symptome der akuten Yersiniose gelten v.a. Durchfall, krampfartige Bauchschmerzen, Erbrechen und Fieber. Zwischen Infektion und dem Auftreten der ersten Krankheitserscheinungen vergehen ca. 1-11 Tage.

 

Die Yersiniose gehört zu den sogenannten Zoonosen, d. h. vom Tier auf den Menschen übertragbare Infektionskrankheiten. Das natürliche Reservoir pathogener Yersinia enterocolitica sind Tiere unterschiedlicher Arten, wobei Schweine als Hauptreservoir gelten. Kontaminierte Lebensmittel tierischer Herkunft gelten als Infektionsquelle für den Menschen. [3]

 

Wie erfolgte der Nachweis?

Aufgrund des zoonotischen Potentials wird am CVUA Freiburg sowohl in der veterinärbakteriologischen Untersuchung sowie in der Lebensmittelmikrobiologie dem Nachweis von Yersinia enterocolitica besondere Beachtung geschenkt. Schnelle und zuverlässige Untersuchungsmethoden stehen dabei im Vordergrund.

 

Zur Bakterien-Identifizierung wurde im hier beschriebenen Fall die sogenannte MALDI-TOF-Massenspektrometrie eingesetzt (Abbildung 2).

 

Abbildung 2: Massenspektrum von Yersinia enterocolitica

Abbildung 2: Massenspektrum von Yersinia enterocolitica

 

Infokasten

Die MALDI-TOF-MS (Matrix Assisted Laser Desorption/Ionisation - Time Of Flight - Massenspektrometrie) hat in den letzten Jahren die mikrobiologische Untersuchung revolutioniert. Mikroorganismen können, nachdem sie auf festen Nährmedien (z.B. Agar-Platten) sichtbare Kolonien gebildet haben, innerhalb weniger Minuten identifiziert werden. Die MALDI-TOF-MS ist universell einsetzbar, Vorinformationen über die Mikroorganismen sind nicht erforderlich. Zur Identifizierung werden spezifische Massenprofile von mikrobiellen Proteinen detektiert. Das daraus resultierende Massenspektrum, eine Art mikrobieller „Fingerabdruck“ wird mit einer Datenbank verglichen.

 

Ausführliche Informationen über dieses Untersuchungsverfahren finden Sie hier:

MALDI-TOF-Massenspektrometrie – eine Technik erobert die mikrobiologische Untersuchung.

 

Mittels der sogenannten PCR (Polymerase-Chain-Reaction, Polymerase-Ketten-Reaktion) wurde überprüft, ob es sich bei den nachgewiesenen Yersinia enterocolitica um einen pathogenen Stamm handelte. Mit diesem molekularbiologischen Verfahren können Pathogenitätsfaktoren wie das ail-Gen von Yersinia enterocolitica gezielt vervielfältigt und im Anschluss sichtbar gemacht werden. Das Ergebnis der Untersuchung bestätigte die Pathogenität des Stammes (Abbildung 3).

 

Abbildung 3: ail-Gen von Yersinia enterocolitica mittels PCR vervielfältigt und im Agarosegel sichtbar gemacht

Abbildung 3: ail-Gen von Yersinia enterocolitica mittels PCR vervielfältigt und im Agarosegel sichtbar gemacht

 

Ursachenforschung

Nachdem feststand, dass es sich bei den nachgewiesenen Bakterien um potentielle Krankheitserreger handelte, wurden weitere Nachforschungen angestellt. Rückfragen beim einsendenden Tierarzt der Milchprobe ergaben, dass der Herkunftsbetrieb keine Schweine hält und die betroffene Kuh auch eher subklinisch, also unterschwellig, erkrankt war. Darauf wurden die Tierbesitzer kontaktiert. Diese Nachfrage ergab, dass der Sohn der Familie Metzger ist. Somit war ein zumindest indirekter Kontakt zu Schweinen gegeben. Weiterhin grassierte im Dorf eine Durchfallerkrankung, von der auch die Familie der Tierbesitzer, u.a. ein Kleinkind betroffen war. Damit wäre auch ein Eintrag des pathogenen Keims durch Menschen denkbar.

 

Es wurde eine Kontrollmilchprobe der betroffenen Kuh angefordert und im Mastitislabor des CVUA Freiburg untersucht. In dieser Nachprobe konnte Yersinia enterocolitica nicht mehr nachgewiesen werden. Auch die Zellzahl befand sich wieder im normalen Maß (313.000 Zellen).

 

Über die Herkunft der pathogenen Yersinia enterocolitica in der Erstprobe lässt sich nur spekulieren. Es erscheint aber wahrscheinlich, dass es sich nur um eine Kontamination der Milchprobe gehandelt hat, da Yersinia enterocolitica nur sporadisch als Mastitiserreger ausgemacht wird. Die beobachtete Zellzahlerhöhung bei dieser Kuh kann möglicherweise auf eine Euterreizung zurückgeführt werden. Inwieweit es sich im vorliegenden Fall bei den im Ort beobachteten Enteritiden der übrigen Dorfbevölkerung auch um Yersinia enterocolitica-Infektionen handelte und ob es einen ursächlichen Zusammenhang gab, muss dahingestellt bleiben.

 

Eine mikrobielle Kontamination von Euter und Milch kann über unzureichende Melkhygiene erfolgen. Auch ist eine Kontamination von Milch und/oder Probengefäß bei der Milchprobenentnahme möglich, wenn z.B. die Händedesinfektion nicht gegeben ist. Was bei der Entnahme von Milchproben für die Mastitisdiagnostik beachtet werden muss, ist im Merkblatt zu Entnahme und Versand von Milchproben zur Mastitisdiagnostik nachzulesen.

 

Weitere Informationen

Merkblatt zu Entnahme und Versand von Milchproben zur Mastitisdiagnostik

 

Literatur:

[1] Hahn, G. Yersinia enterocolitica. In: Monograph on the Significance of Pathogenic Microorganisms in Raw Milk. 1994b. Int. Dairy Fed., Brussels, Belgium. pp. 68-77.
[2] Krömker, Völker (2007): Kurzes Lehrbuch Milchkunde und Milchhygiene S. 149.
[3] Robert Koch Institut (2012): Yersiniose - Risikofaktoren in Deutschland. Epidemiologisches Bulletin, 13. Februar 2012 / Nr. 6.
[4] Rolle Mayr (2002): Medizinische Mikrobiologie. 7. Auflage 2002, S. 497.

Bildnachweis:

alle CVUA Freiburg

 

 

Bericht erschienen am 26.02.2014 15:03:09