Kosmetik „ohne Tierversuche“ - Wie die Hersteller sich die Ablehnung von Tierversuchen zu Nutze machen

Die Problematik der Werbung mit Tierversuchsfreiheit

Die Sachverständigen des Kosmetik-Fachbereichs des CVUA Karlsruhe

 

Für kosmetische Mittel und deren Bestandteile dürfen keine Tierversuche durchgeführt werden. Ist die Auslobung „tierversuchsfrei“ zulässig oder handelt es sich hierbei um eine geschickte Werbung der Hersteller, um die Erwartungen der Verbraucher anzusprechen und ihr Produkt unzulässig von anderen abzuheben? Was sagt der Gesetzgeber dazu?

Bei einem Gang durch den Drogeriemarkt wird sehr schnell deutlich, dass Werbeaussagen zur Tierversuchsfreiheit ein wichtiges Verkaufsargument sind. Man findet zahlreiche Produkte mit Werbeaussagen, wie z.B. „ohne Tierversuche“, „not tested on animals“, „ohne Tierversuche hergestellt“, oft auch in Verbindung mit verschiedenen Darstellungen eines Hasen oder geschützten Logos, die Tierversuchsfreiheit symbolisieren sollen. Aber ist das erlaubt?

  

Infokasten

Das Tierversuchsverbot in der EU

Tierversuche sind für kosmetische Fertigprodukte seit 2004 und für Bestandteile kosmetischer Mittel seit 2009 EU-weit verboten („Tierversuchsverbot“). Seit März 2009 ist in der EU die Vermarktung von in Tierversuchen getesteten Kosmetikprodukten oder -bestandteilen verboten („Verkehrsverbot“). Dies gilt auch für in die EU eingeführte Waren.

 

Ausnahmen dieses Verbots waren zunächst Tierversuche im Zusammenhang mit der Toxizität (Giftigkeit) bei wiederholter Verabreichung einschließlich Sensibilisierung der Haut, Karzinogenität1), Reproduktionstoxizität2) und Toxikokinetik3). Für diese Versuche wurde die Frist bis 11. März 2013 verlängert. Ungeachtet der Tatsache, dass bis zu dieser Frist nicht alle Tierversuche durch Alternativmethoden ersetzt werden konnten, gilt seit über 4 Jahren das Verkehrsverbot für kosmetische Mittel und deren Bestandteile, die in Tierversuchen getestet wurden, ausnahmslos.

 

1)  Karzinogenität: Eigenschaft eines Stoffes, Krebs zu erzeugen.

2)  Reproduktionstoxizität: Beeinträchtigungen von Sexualfunktion und Fruchtbarkeit bei Mann und Frau sowie

Entwicklungstoxizität bei den Nachkommen. 

3)  Toxikokinetik: Zeitabhängige, quantitative Konzentration eines Giftstoffes in verschiedenen Bereichen eines

Organismus (z. B. in bestimmten Geweben).

 

 

Werbung mit Selbstverständlichkeiten

Doch selbst wenn die Auslobung der Tierversuchsfreiheit stimmt, kann sie trotzdem unzulässig sein. Denn aufgrund des Tierversuchsverbots (Art. 18 der EU-Kosmetikverordnung, s. Infokasten) kann diese Auslobung als Werbung mit Selbstverständlichkeiten aufgefasst werden. Es könnte der Anschein erweckt werden, dass andere Hersteller Tierversuche durchführen, und so kann der Verbraucher über ein für seine Kaufentscheidung relevantes Kriterium getäuscht werden, das eigentlich eine Selbstverständlichkeit ist. Weiterhin sind Werbeaussagen, die die Vorstellung vermitteln, dass ein Produkt einen bestimmten Nutzen hat, der jedoch nur in der Erfüllung der rechtlichen Mindestanforderung besteht, unzulässig und gelten als Werbung mit einer Selbstverständlichkeit (Punkt 1.3 des Anhangs der VO (EU) 655/2013).

 

Fazit:  Produkte, die selbst oder deren Bestandteile seit dem Jahr 2004 keinen Tierversuchen zum Zwecke der Herstellung kosmetischer Mittel unterzogen wurden, erfüllen lediglich die rechtlichen Anforderungen und dürfen – da es eine Selbstverständlichkeit darstellt - nicht mit „tierversuchsfrei“ beworben werden.

 

Gibt es Ausnahmen? Welche Produkte können als „tierversuchsfrei“ beworben werden?

Für kosmetische Mittel oder deren Bestandteile, an denen noch nie - auch nicht vor dem Jahr 2004 - Tierversuche zum Zwecke der Herstellung kosmetischer Mittel durchgeführt wurden, gibt es eine Ausnahme vom Werbeverbot. Allerdings muss der Kosmetikunternehmer dies gegenüber den Behörden eindeutig belegen können.

 

Konkret heißt das: Ein Hersteller kann damit werben , dass keine Tierversuche durchgeführt wurden. Diese Angabe ist jedoch nur zulässig, sofern der Hersteller und seine Zulieferer

  1. keine Tierversuche für das kosmetische Fertigerzeugnis oder dessen Prototyp oder Bestandteile davon durchgeführt oder in Auftrag gegeben haben,
  2. oder Bestandteile verwendet haben, die in Tierversuchen zum Zweck der Entwicklung neuer kosmetischer Mittel durch Dritte geprüft wurden.

 

Eine ausreichende Belegbarkeit der Werbeaussagen zur Tierversuchsfreiheit stellt sich als sehr aufwendig und schwierig dar. Denn für die meisten Produkte (mit Konservierungsstoffen, Farb- und Duftstoffen, Tensiden oder Wirkstoffen) dürfte es für die Hersteller fast unmöglich sein, nachzuweisen, dass die verwendeten Bestandteile kosmetischer Mittel nicht in Tierversuchen durch Dritte geprüft wurden. Deshalb gehen wir davon aus, dass eine Auslobung der Tierversuchsfreiheit nur in sehr wenigen Fällen möglich ist.

 

Bei der großen Vielfalt an Auslobungen zur Tierversuchsfreiheit haben wir den Verdacht, dass nicht alle Produkte die Bedingungen nach Artikel 20 Absatz 3 der EU-Kosmetikverordnung erfüllen.

 

Wie wird die Einhaltung dieser Anforderungen überwacht?

Um eine rechtmäßige Verwendung der Werbeaussagen zur Tierversuchsfreiheit überprüfen zu können, kann die amtliche Kosmetiküberwachung Unterlagen zur Belegbarkeit der Werbeaussagen fordern.

 

Aus den Unterlagen muss ersichtlich sein,

  1. dass weder Hersteller noch Zulieferer Tierversuche für das kosmetische Fertigerzeugnis oder dessen Prototyp durchgeführt oder in Auftrag gegeben haben,
  2. dass für sämtliche verwendeten Bestandteile, weder Hersteller noch Zulieferer Tierversuche durchgeführt oder in Auftrag gegeben haben,
  3. dass auch Rohstofflieferanten der Zulieferer oder andere Mitglieder der Lieferkette keine Tierversuche für die Bestandteile des Produkts zum Zweck der Entwicklung kosmetischer Mittel durchgeführt haben,
  4. dass in der wissenschaftlichen Literatur keine Daten für die verwendeten Bestandteile vorliegen, die aus Tierversuchen stammen, die von Dritten zum Zweck der Entwicklung eines neuen kosmetischen Mittels durchgeführt wurden.

 

Nur wenn die Werbeaussage zur Tierversuchsfreiheit ausreichend belegt wird, kann deren Verwendung als zulässig angesehen werden. Als Belege akzeptieren wir nachprüfbare schriftliche Bestätigungen der Hersteller, der Rohstoffhersteller bzw. deren Zulieferer.

 

 

Im Jahre 2013 wurde in Baden-Württemberg Werbung „ohne Tierversuche“ bei kosmetischen Mitteln überprüft (siehe Jahresbericht 2013, Seite 46-47). Damals wurden alle 10 Produkte wegen Werbung mit Selbstverständlichkeiten als irreführend beurteilt.


Auf dem Kosmetikmarkt ist zu beobachten, dass in den letzten Jahren die Auslobung mit Tierversuchsfreiheit noch zugenommen hat. Daher wird das CVUA Karlsruhe im zweiten Halbjahr 2017 ein Schwerpunktprogramm mit besonderem Augenmerk auf die Werbung mit Tierversuchsfreiheit durchführen und prüfen, ob diese Werbeaussagen tatsächlich belegt werden können.

 

 

Bericht erschienen am 14.09.2017 14:43:27