Mykoplasmenpneumonie des Meerschweinchens

Ein Bericht aus unserem Laboralltag

Dr. Birgit Blazey, Fachtierärztin für Pathologie

 

Eine unerwartet hohe Anzahl von vier Meerschweinchen mit den typischen pathomorphologischen und histologischen Lungenveränderungen einer durch Mykoplasmen verursachten Pneumonie (Lungenentzündung) wurde uns in den Jahren 2015 und 2016 zur Sektion gebracht. Bei allen vier Fällen wurde die Diagnose mittels Elektronenmikroskop bestätigt. In den Jahren davor wurden uns hingegen keine entsprechenden Fälle vorstellig. Bei den dargestellten Meerschweinchen trat die durch Mykoplasmen verursachte Pneumonie teilweise als zweiter Hauptbefund auf. In den Digital- und Printmedien findet man allerdings generell nur wenig über diese Erkrankung.

 

Foto eines Meerschweinchens.

 

Vorbericht

Bei allen vier Meerschweinchen wurde von respiratorischen Symptomen wie Schnupfen, Niesen, Nasenausfluss und/oder Dyspnoe (erschwerte Atmung) berichtet. Bei den meisten Tieren waren die Symptome schon seit mehreren Tagen oder Wochen zu beobachten. Zudem waren jeweils mehrere Tiere des Bestandes erkrankt und zuweilen auch einzelne Tiere verendet. Teilweise wurde von einem Neuzugang von Tieren vor Auftreten der Symptome im Bestand berichtet. Eines der Meerschweinchen zeigte zudem Bauchschmerzen und ein anderes nur Anorexie (Appetitlosigkeit). Eine Altersdisposition (vom Alter der Tiere abhängige Erkrankung) konnte in unserem Sektionsgut nicht festgestellt werden. Das Alter der Tiere betrug 7 Wochen bis 4 Jahre.

 

Pathomorphologischer Lungenbefund

Bei den vier Meerschweinchen waren die Lungen durchweg schlecht kollabiert und zum größten Teil altrosafarben. Eine der Lungen war zudem durchsetzt von dunkelroten, gut begrenzten, festen Herden. Bei einem Tier war einseitig der Lungenspitzenlappen kleinherdig fleischfarben verdichtet und wies spangenförmige Verwachsungen zwischen Spitzen- und Zwerchfelllappen sowie zu Pleura (Brustfell) und dem Zwerchfell auf. Entnommene Gewebsproben von den festen verdichteten Lungenarealen sanken in Flüssigkeit ab, was auf einen verminderten Luftgehalt hindeutet.

Das Tier mit den chronischen Lungen- und Pleuraveränderungen zeigte auch ein stumpfes, struppiges Haarkleid und einen schlechten Nährzustand.

 

Abb. 2: Spitzenlappenpneumonie, nicht retrahierte Lunge, herdförmige Gewebeverdichtungen.

Abb. 2: Spitzenlappenpneumonie, nicht retrahierte Lunge, herdförmige Gewebeverdichtungen (Pfeil)

 

Abb. 3: Spangenförmige Verwachsung zwischen Spitzen- und Zwerchfelllappen.

Abb. 3: Spangenförmige Verwachsung zwischen Spitzen- und Zwerchfelllappen

 

Pathohistologischer Lungenbefund

Generell war das histologische Bild der Lungen geprägt von einer mittel- bis hochgradigen diffusen interstitiellen Pneumonie in Kombination mit einer Lymphfollikelproliferation. Im Detail zeigten sich proliferierte Lymphfollikel insbesondere in den Randbereichen und subpleural (unter der Lungenoberfläche). Zudem war eine hochgradige Hyperplasie des Bronchialepithels in den verdichteten Arealen mit neutrophilen Granulozyten in den Alveolen (eitrige Pneumonie als Sekundärbefund) zu erkennen. Auch lymphozytäre perivaskuläre Entzündungsinfiltrate waren in zwei Fällen nachweisbar. Die oben beschriebenen chronischen fibroplastischen Pleurabefunde spiegelten sich auch histologisch wider. Jeweils einmal waren Blutungsherde im Parenchym, sowie einzelne Synzytialzellen und wenige eosinophile Granulozyten vertreten.

 

Abb. 4: Lymphfollikelproliferat, Lunge, H&E, 200 fache Vergrößerung.

Abb. 4: Lymphfollikelproliferat, Lunge, H&E, 200 fache Vergrößerung

 

Abb. 5: Lymphfollikelproliferat mit Einengung des Bronchiolilumens (Pfeil), Lunge, H&E, 200 fache Vergrößerung.

Abb. 5: Lymphfollikelproliferat mit Einengung des Bronchiolilumens (Pfeil), Lunge, H&E, 200 fache Vergrößerung

 

Abb. 6: interstitielle Pneumonie, Lunge, H&E, 200 fache Vergrößerung.

Abb. 6: interstitielle Pneumonie, Lunge, H&E, 200 fache Vergrößerung

 

Abb. 7: Pleuritis (Pfeil ), interstitielle Pneumonie, Lunge, H&E, 400 fache Vergrößerung.

Abb. 7: Pleuritis (Pfeil ), interstitielle Pneumonie, Lunge, H&E, 400 fache Vergrößerung

 

Diagnostik

Bei den vier Meerschweinchenlungen wurde die Verdachtsdiagnose „mykoplasmen-bedingte interstitielle Pneumonie“ aufgrund der pathologisch-morphologischen und histologischen Untersuchungen gestellt. Dies wurde durch den Nachweis von „mykoplasmen-verdächtigen Partikeln“ im Elektronenmikroskop im Hause bestätigt.

 

Abb. 8: mykoplasmen-verdächtige Partikel, TEM, 100.000 fache Vergrößerung.

Abb. 8: mykoplasmen-verdächtige Partikel, TEM, 100.000 fache Vergrößerung

 

Derzeit ist in unserem Hause aus Organ- und Tupferproben (z.B. Nasopharynx, Vagina) mittels PCR kein speziesspezifischer Mykoplasmen-Nachweis (z.B. Erreger -Differenzierung von M. caviae), jedoch ein genereller Nachweis von Mykoplasmen möglich.

 

Allgemeines

Erkrankungen der Atemwege kommen bei Meerschweinchen verhältnismäßig oft vor und zählen zu den häufigsten Todesursachen. Die Atemwegserkrankungen sind in einem Großteil der Fälle in Haltungsfehlern begründet. Neben Zugluft, plötzlichen Temperaturwechseln, Nässe des Einstreus und Überhitzung bei trockener Luft vor allem während der Heizperiode spielen auch Hypovitaminosen, andere Grundkrankheiten und Stresssituationen eine Rolle. Zudem soll eine anatomische Besonderheit die Atemwegserkrankungen beim Meerschweinchen begünstigen. So führt die ausgeprägte Muskulatur um Bronchien und auch Lungenarterien bei Kontraktion zu einer Minderdurchblutung und Minderbelüftung der Lunge und damit zu einer höheren Anfälligkeit. Die Spanne der Infektionserreger ist groß. Neben viralen und bakteriellen Erregern (LCMV, Herpesvirus, Adenovirus, Streptokokken, Staphylokokken, Diplokokken, Klebsiellen, Bordetellen, Pasteurellen, Pseudomonaden und Chlamydien) werden sehr häufig Mykoplasmen nachgewiesen. Bisweilen wird auch die Pseudotuberkulose (Rodentiose) diagnostiziert. Ein Erregereintrag in den Bestand erfolgt oft durch Zukauf von Tieren, selten durch den Menschen. Zuweilen spielen auch infizierte Schadnager oder verunreinigtes Futter eine Rolle. Gegenüber äußerlich sichtbaren Befunden wie etwa Krusten oder Sekret an Nase und um die Augen bei Rhinitis (Nasenentzündung) oder Konjunktivitis (Bindehautentzündung) sind isolierte, nicht exsudative Bronchitiden klinisch unauffällig. Die Krankheit Mykoplasmose verläuft in der Regel schleichend, erst nach einigen Monaten (chronisch) kommt es zu einer deutlichen Verschlechterung des Allgemeinbefindens. Der praktizierende Tierarzt kann eine Behandlung einleiten, die gewissenhaft vom Tierbesitzer fortgeführt werden muss.

 

Infokasten

Mycoplasmen

Mykoplasmen sind die kleinsten zur selbstständigen Vermehrung fähigen Bakterien der Klasse der Mollicutes. Durch das Fehlen der Zellwand können sie kugel- oder birnenförmig sein aber auch verzweigte oder helikale Filamente bilden. Aufgrund der geringen Größe und der Pleomorphie (Vielgestaltigkeit) sind sie in der Lage bakteriendichte Filter zu passieren. Sie sind zudem auf den üblichen Nährböden nicht kultivierbar, was auch der Grund war, weshalb sie zunächst zu der Gruppe der Viren gezählt wurden.

Mykoplasmen können in der Veterinärmedizin auch wirtschaftlich relevant sein. Neben anzeigepflichtigen Tierseuchen wie der Lungenseuche der Rinder (Mycoplasma mycoides spp. mycoides SC (small colony type)), treten auch andere bedeutende Mykoplasmeninfektionen bei landwirtschaftlichen Nutztieren auf:
die Enzootische Pneumonie (Mycoplasma hyopneumoniae) sowie die Mykoplasmenarthritis und -polyserositis der Schweine (Mycoplasma hyorhinis und Mycoplasma hyosynoviae).

Zudem seien Mycoplasma bovis als Verursacher von Euterentzündungen mit Milchleistungsrückgang bei Milchkühen sowie Lungenentzündungen und schweren Gelenksentzündungen bei Kälbern genannt. Mycoplasma gallisepticum verursacht Atemwegserkrankungen beim Geflügel, die chronic respiratory disease (CRD) beim Huhn und infektiöse Sinusitis bei der Pute.
Weiterhin gibt es die Gruppe der sogenannten hämatotrophen (blutliebende) Mykoplasmen, die früher zu den Rickettsien gezählt wurden. Sie sind bei vielen Wirbeltierspezies bekannt und verursachen vor allem Anämien. Beim Schwein spielt vor allem Mycoplasma suis (früher Eperythrozoonose) eine Rolle. Aber auch Heim- und Haustiere können sich mit hämatotrophen Mykoplasmen infizieren. Katzen infizieren sich mit Mycoplasma haemofelis, Mycoplasma haemominutum und Mycoplasma turicensis. Sie verursachen die sogenannte feline infektiöse Anämie (Synonym Hämobartonellose der Katze). Bei Hunden ist Mycoplasma haemocanis bekannt.

In der Humanmedizin sind vornehmlich Mycoplasma pneumoniae (atypischen Pneumonie) und Mycoplasma genitalium neben Neisseria gonorrhoeae (den sog. Gonokokken) als bedeutende infektiöse Ursache der humanen Urethritis (Harnröhrenentzündung) zu nennen. In neuesten Studien wird bei M. pulmonis von einem zoonotischen Potential ausgegangen.

 

Beim Meerschweinchen wurden verschiedene Mycoplasma-Spezies isoliert, u.a. M. caviae und M. pulmonis, wobei M. caviae an das Meerschwein adaptiert ist und nicht als Zoonoseerreger gilt. Mycoplasma caviae gehört neben Staphylokokken und Streptokokken zu den häufigsten Erregern von akuten Arthritiden (Gelenksentzündungen) beim Meerschweinchen. Weiterhin treten Lymphadenitis (Lymphknotenentzündung) und Metritis (Gebärmutterentzündung) im Zusammenhang mit Infektionen durch M. caviae auf. Die Tiere können auch symptomlos infiziert sein.

Die natürlichen Wirte von Mycoplasma pulmonis (potentieller Zoonoseerreger) sind demgegenüber primär Mäuse und Ratten. M. pulmonis besiedelt die Schleimhautoberfläche der Genitalien und Atemwege. Meerschweinchen sind oft Träger, erkranken aber nicht generell. Mykoplasmenkönnen zusammen mit viralen und bakteriellen Erregern oder alleine respiratorische Krankheitserscheinungen sowie akute und chronische Konjunktivitis (Lidbindehautentzündung) verursachen.

 

Fazit

Mykoplasmen bedingte Erkrankungen sind beim Meerschweinchen offensichtlich weit verbreitet, in unserem Sektionsgut vor allem in Verbindung mit Lungenentzündungen. Unzureichende Haltungsbedingungen fördern das Auftreten der Erkrankungen ebenso wie Neuzugänge und Stress.

 

Bildernachweis

Abb. 1: Meerschweinchen, Sandra Wiedmann, CVUA Stuttgart

Abb. 2 und 3: Lungenmakroskopie, Pneumonie mit Pleuraspangen, Denise Martin, CVUA Stuttgart

Abb. 4 bis 7: Lungenhistologie, Blazey, CVUA Stuttgart

Abb. 8: TEM, Mycoplasmen, Dr. Valerij Akimkin, Dr. Marc Hoferer CVUA Stuttgart

 

Quellen

  • Drescher B., Hamel I (2012), Heimtier und Patient. Meerschweinchen, 3. Auflage, Enke Verlag Stuttgart
  • Karl Gabrisch, Peernel Zwart (2004), Krankheiten der Heimtiere, Schlütersche Verlag, ISBN-10: 389993010X
  • H-J Selbitz, Truyen U., Valentin-Weihand, P.V., (2015), Tiermedizinische Mikrobiologie, Infektions- und Seuchenlehre, 10. Auflage, Enke Verlag Stuttgart, ISBN: 9783830412625
  • Auriol C. Hill (1984) Mycoplasma cavipharyngis, a New Species Isolated from the Nasopharynx of Guinea-pigs, Journal of general microbiology  01/1985; 130(12):3183-8.
  • Helmut Brunner, Walter D. James, Robert L. Horswood and Robert M. Chanock (1973), Experimental Mycoplasma pneumoniae Infection of Young Guinea Pigs, The Journal of Infectious Diseases, Vol. 127, No. 3 (Mar., 1973), pp. 315–318
  • Auriol C. Hill (1971), Mycoplasma caviae, a New Species, Journal of general microbiology   02/1971; 65(1):109-13.
  • Piasecki T , Chrzastek K , Kasprzykowska U (2017) Vector Borne Zoonotic Dis.; Mycoplasma pulmonis of Rodents as a Possible Human Pathogen. 2017 Jul;17(7):475-477
  • A., Krokowski , C. (2007): Akupunktur und Phytotherapie bei Kaninchen und Meerschweinchen, Georg Thieme Verlag

 

 

Bericht erschienen am 05.09.2017 10:31:39